Balda oder Der Tauzauber

Balda oder Der Tauzauber

Irgendwo in den Bergen, den Menschen fern und den Sternen nah, liegt das Land Malvia. Es war immer ein schönes Land gewesen und die Malvianer ein zufriedenes Volk, und sicher wäre es so weitergegangen bis ans Ende aller Zeiten, wenn nicht in diesem Jahr der Winter gar kein Ende hätte nehmen wollen. Das Land ächzte unter der Last des Schnees, der die Hütten einzudrücken drohte. Die Wesen des Waldes wanderten immer dichter heran an die Dörfer, weil sie nichts mehr zu fressen fanden. Und nach vier kristallkalten Monaten gingen den Leuten die Vorräte aus. Und jede Nacht überzogen die eisigen Düsternebel das Land, die Macht des Winters zu schützen und Kälte und Schwermut zu verbreiten.
Balda, die Tochter des königlichen Beraters Thiobolt, trat vor die Tür ihrer Hütte, um ein paar Scheite Feuerholz hereinzuholen. Lange Strähnen ihres schwarzen, lockigen Haares fielen ihr in die Stirn und sie strich sie zurück.
„Balda!“, sprach ihre Nachbarin sie an. Sie schaute auf und lächelte. „Guten Tag, Frau Immold!“, grüßte sie freundlich. Deren starrer Blick ruhte auf dem wenigen Holz, das noch neben der Hüttentür lag. „Ist das Euer letztes Brennholz?“, fragte sie mitfühlend.
„Ja. Was ist mit Euch? Ihr seht so besorgt aus.“
„Wird es je wieder Frühling werden?“, sagte ihre Nachbarin trostlos.
„Ich bin mir sicher, dass …“, setzte Balda an, aber Frau Immold unterbrach sie: „Wie soll denn der Frühling kommen, wenn der Grüne Magier nicht den Tauzauber spricht?“
„Er wird schon noch kommen. Wahrscheinlich ist er aufgehalten worden.“
„Er hat uns im Stich gelassen! Ihr werdet es noch einsehen. Nie wieder werden wir uns an Blumen und Blüten erfreuen können. Warum hat nur der alte Grüne Magier diesen Feigling zu seinem Nachfolger gewählt, der sich der Winterhexe nicht zu stellen wagt? Wisst Ihr noch, wie die auf dem Duellplatz gelacht hat? Warum tut der König nichts?“ Verzweifelt schaute sie Balda an, dann lief sie zurück in ihre Hütte.
„Sie war gestern Nacht noch spät unterwegs“, warf Baldas anderer Nachbar Kol ein. „Reisig sammeln und Nachthühner jagen. Die Düsternebel werden sie erwischt haben“.
Balda nickte traurig.
Auch von anderen Leuten hörte Balda Klagen über Hunger und mangelndes Feuerholz. Auf den Straßen, in den Schänken, überall murrte das Volk und die Rufe des Unmuts über das Ausbleiben des Grünen Magiers gellten auch durch den Palast, krochen bis in den kleinsten Winkel des Schlosses und kamen schließlich auch dem König zu Ohren. Der versammelte seine klügsten Ratgeber, den „Rat der Fünf“, zu einer außerordentlichen Krisensitzung. Auch Thiobold gehörte dazu und musste noch spät in der Nacht zum König eilen.
Erst am nächsten Morgen kehrte Thiobold in seine Hütte zurück.
In den nächsten Tagen konnte die Spur des Grünen Magiers bis zum Großen Schrein verfolgt werden. Dort aber verlor sie sich. Balda erfuhr das alles von ihrem Vater.
Eine Woche später wurde Thiobold dringend in den Palast bestellt. Sofort machte er sich auf den Weg. Als er am Abend wiederkam, war sein Gesicht grau vor Sorge. Seine Tochter legte ihm fürsorglich eine Decke um die Schultern und stellte einen Becher mit heißem Tee vor ihm auf den Tisch. Dann setzte sie sich ihm gegenüber und schaute ihn fragend an. Thiobold ergriff mit klammen Fingern die dampfende Tasse und wärmte sich daran. Er seufzte, dann begann er zu berichten:
„Der König hat jedem seiner Ratgeber befohlen, einen Plan zu erdenken, wie wir den Grünen Magier finden können. Jeder von uns soll losziehen, um seinen Plan in die Tat umzusetzen. Der König besteht darauf, obwohl Rala protestiert hat, auf die der König sonst immer hört.“ Er trank einen Schluck heißen Tee und schloss dabei müde die Augen. Dann sah er Balda wieder an. „Selbst die Palastküche kann nur noch dünne Kartoffelsuppe auf die königliche Tafel bringen. Der König war darüber sehr verstimmt. Nun, wenigstens war die Suppe heiß und es gab ein wenig Brot dazu, wenn auch sehr dünne Scheiben.“ Thiobolt ergriff die Hand seiner Tochter und sah ihr fest in die Augen. „Balda, versprich mir eins: sollte ich von der Reise nicht wiederkehren, dann geh fort von hier. Ich möchte nicht, dass du ohne meinen Schutz den Düsternebeln zum Opfer fällst, wie die alte Birte. Weißt du noch, in welchem Zustand sie abends aus dem Wald kam? Seitdem ist sie völlig verrückt und ihre ganze Fröhlichkeit ist fort. So will ich mir dich nicht vorstellen. Ich muss genug bedenken, da möchte ich mir nicht auch noch um dich Sorgen machen müssen.“
„Aber Vater, das ist meine Heimat genauso gut wie deine…“, protestierte Balda, doch Thiobolts Hände schlossen sich mit schmerzhafter Intensität um die ihren. „Ich meine das sehr ernst! Falls ich nicht binnen zwei Wochen nach meinem Aufbruch mit dem Grünen Magier wieder hier bin, gehst du fort!“ Große Sorge schwang in seiner Stimme mit. Um ihn nicht zu beunruhigen, nickte sie.
„Gut“, seufzte er. „Morgen früh mit dem Hahnenschrei will ich mich an die Ausarbeitung meines Planes machen. Stör mich dann nicht, ich muss den Plan bald dem König vorlegen.“
Als Thiobolt drei Tage später aus dem Palast zurückkam, fragte Balda ihn nervös, was der König von seinem Plan hielte. „Ach, Kind, der König hat das Los entscheiden lassen, wen er zuerst auf den Weg schickt. Es hat Ujaja getroffen, den Kanzler. Er ist bereits auf dem Weg ins Tal. Jede Woche soll ein weiterer Ratgeber aufbrechen, bis der Grüne Magier wieder da ist. Mir ist die nächste Woche bestimmt.“
„Lass mich mit dir gehen, Vater. Vielleicht kann ich dir helfen.“
„Nein, Balda. Es ist meine Aufgabe, nicht deine.“
Zehn Tage nach Thiobolts Aufbruch kam ein Bote aus dem Palast und bestellte Balda zum König.
„Mein Kind“, begann der König „mein hochgeschätzter Berater Thiobolt, dein Vater, hat immer von deiner Klugheit berichtet. Bisher ist noch keiner meiner Berater zurück gekommen. Von einem weiß man nichts, von zweien ist uns Kunde gebracht worden, sie seien tot. Und der Rest hat es vorgezogen, sich aus dem Staub zu machen. Weil aber die Tyrannei der Winterhexe ein Ende haben muss, habe ich beschlossen, dich zu schicken, den Grünen Magier zu finden. Morgen brichst du auf.“ Er wendete sich an seinen Leibwächter, der neben ihm stand: „Brio, du sorgst für ihre Ausrüstung. Gib ihr eine Armbrust und etwas Gold. Und gib ihr den Adler Tanas aus den königlichen Stallungen und Proviant für drei Tage.“
Mit einem Nicken wurde sie entlassen. Brio begleitete sie hinaus.
Auf den Schwingen des Adlers ritt Balda durch die eisigen Lüfte.
Sie machte sich Sorgen um ihren Vater. Niemand wusste, welche beiden Berater die Suche nicht überlebt hatten. War ihr Vater noch am Leben? Sie hatte sich vorgenommen, die Spur des Grünen Magiers am Großen Schrein wieder aufzunehmen. Dort angekommen, fragte sie in allen Herbergen nach, bis sie im Gästebuch der letzten Pilgerherberge den Eintrag des Grünen Magiers fand.
„Ihr interessiert Euch für den Grünen Magier?“, sprach eine hochgewachsene Frau mit kurzem blonden Haar sie an. „Ich bin Murva, die Hexe“, stellte diese sich vor. „Wir sollten uns unterhalten!“
Die Schänke der Herberge war sehr gemütlich. Ein Feuer prasselte im Kamin und darüber hing ein Kessel mit warmer Hühnersuppe, die einen verführerischen Duft verströmte. Balda bestellte sich einen Teller voll davon, dann führte Murva sie zu einem Tisch in einer Nische. „Hier sind wir ungestört“, sagte Murva. „Also – warum fragst du nach dem Grünen Magier?“
„Ich muss ihn finden, in Malvia hungert und friert das Volk und die nächtlichen Nebel nehmen jedem den Mut!“
„Ich weiß, wo er ist, doch ich kann ihm nicht helfen, obwohl er mein Bruder ist“, seufzte Murva traurig. Dann betrachtete sie Balda nachdenklich und fügte hinzu: „Aber vielleicht gelingt es dir, ihn zu befreien.“
„Warum ich?“, erkundigte sich Balda neugierig.
„Weil du Mut hast.“, sagte Murva.
Balda lächelte. Dann wurde sie wieder ernst.
„Was ist mit ihm passiert?“
„Er hat hier Dria getroffen, die Winterhexe!“ Murva spie den Namen geradezu aus, voller Verachtung und voller Wut. Baldas fragender Blick entging ihr nicht und so erklärte sie: „Dria hat den Grünen Magier mit einem Bannzauber belegt und ihn entführt. Damit sie das Duell gegen ihn nicht verliert. Sie leidet bei Sommerhitze immer an Migräne. Und ihre Eisstatuen tauen. Sie wird meinen Bruder nicht freiwillig gehen lassen. Nur wenn die Winterhexe besiegt wird, dann ist auch er von ihrem Zauber frei.“
„Ist Dria gefährlich?“, fragte Balda leise. „Was würde sie mit mir machen, wenn sie mich erwischt?“
Murva fuhr sich mit bezeichnender Geste quer über den Hals. Balda erschauerte, doch sagte sie mit fester Stimme: „Morgen breche ich auf! Kannst du mich zum Wohnsitz der Winterhexe führen?“
Am nächsten Morgen flogen Murva und Balda auf zwei Adlern los. Balda dachte an das gestrige Gespräch und an die Gefahr, der sie würde trotzen müssen. Sie flogen über das weiße erstarrte Land. Überall lag hoher Schnee. Die Bäche und Flüsse waren zugefroren. Balda klammerte sich zitternd vor Kälte in das Gefieder des Adlers. Sie mussten einfach Erfolg haben.
Einen Tag und eine Nacht flogen sie mit nur kurzen Pausen, dann bewegte sich Murvas Adler abwärts, dem Boden zu. Murva landete vor einem Höhleneingang. Balda folgte, kraulte nach dem Absitzen ihrem Adler das Gefieder und gab ihm das letzte Futter, das sie bei sich hatte. Dann wendete sich Balda zu Murva um: „Ich bin bereit. Was müssen wir tun?“
„Von jetzt an musst du deinen Weg alleine finden. Geh in die Höhle und lass dich nicht beirren. Dria ist eine gefährliche Hexe, sie wird versuchen, dich zu fangen und zu töten, wenn sie kann. Du wärst nicht ihr erstes Opfer! Sie ist eine Meisterin der Täuschung und der Lüge. Nicht alles ist real, was du sehen wirst. Du wirst meinen Bruder suchen müssen. Tu, was dein Herz dir eingibt, Schwester. Dann befreist du meinen Bruder vielleicht.“
„Du kommst nicht mit mir?“
„Nein. Aber ich gebe dir drei Dinge, die dir helfen werden.“
Sie griff in die Falten ihres Gewandes und zog ein Tuch hervor, das sie entfaltete. Zunächst war es leer, doch nachdem Murva einen Zauberspruch darüber gemurmelt hatte, hüpfte ein rundes schwarzes Ding in ihre Hand. „Diese magische Garnspule wird ewig einen nimmer reißenden Faden geben. Lass sie dir voranrollen, sie findet den richtigen Weg. Binde aber das Fadenende um einen Felsen oder einen Baum. So findest du immer zurück, wo du auch entlang gehen musst.“
Sie gab Balda die Spule, die wie lebendig zitterte und sprang.
Dann griff sie abermals in das Tuch.
Diesmal zog sie ein kleines braunes Amulett hervor und hängte es Balda um den Nacken. „Dies ist ein Schild, der dich ein einziges Mal vor den magischen Eisangriffen der Winterhexe schützen wird. Gebrauche ihn klug.“
Und ein drittes Mal griff sie in das Tuch. Sie zog ihre geschlossene Hand heraus, drehte sie mit der Innenseite nach oben und öffnete langsam die Finger. Ein blauer Schimmer drang durch die Zwischenräume. Murvas schlanke Hand sah aus wie eine leuchtende Blüte, wie die Hoffnung auf das Frühjahr selbst.
Unbewusst bewegte Balda ihre Hände auf das Licht in Murvas Hand zu. „Was ist das?“, flüsterte sie staunend. Sie hatte das Gefühl, jedes laute Wort könnte den Zauber zerstören.
„Das ist magisches Feuer, die einzige Flamme, die im Wohnsitz der Winterhexe nicht erstirbt. Dieses hier heißt „Safira“, du kannst es rufen, wenn es einmal deine Hand berührt hat. Es hört auf dich, bis du es einem anderen gibst. Du wirst Licht brauchen im Reich der Winterhexe. Halte deine Hände wie eine Schale unter meine Hand, dann gebe ich es dir“
Langsam und vorsichtig schoben sich Baldas gewölbte Hände unter das Wunder in Murvas Rechter. Was würde geschehen, wenn das blaue Feuer ihre Hand berührte? Würde es sie verbrennen?
Murva goss Safira in ihre Hände, als wäre es eine Flüssigkeit. Ein Kribbeln durchlief Baldas Finger, dann angenehme Wärme. Fasziniert starrte sie auf das blaue Flämmchen, das züngelte und an ihrer Handfläche leckte wie ein Hund. Es kitzelte und prickelte. Dann breitete sich das Blau auf der gesamten Fläche ihrer Hände aus und – versank darin, zog ein wie Gänsefett. Erschrocken blickte sie zu Murva auf. „Bin ich nicht würdig…?“, fragte sie heiser.
„Ganz im Gegenteil. Safira will dich kennenlernen.“, antwortete diese.
Und plötzlich breitete sich Wärme in ihr aus, durchdrang sie über ihre Arme bis tief hinein in ihr Herz. Sie sog scharf die kalte Luft ein vor Überraschung. Sie fühlte auf einmal eine große Zuversicht. Fragend schaute sie Murva an.
„Solange du Safira hast, wirst du nie wieder frieren. Wenn du sie brauchst, ruf ihren Namen.“
„Danke, Murva!“ sagte Balda voller Wärme und gab der Hexe die Hand.
„Viel Glück!“, antwortete diese. Balda nickte, dann betrat sie vorsichtig die Höhle, die den Eingang zum Reich der Winterhexe bildete. Stalaktiten und Eiszapfen hingen von der Decke, Stalagmiten wuchsen ihnen vom Höhlenboden entgegen. Ein grünlicher Glanz ging von dem Gestein aus. Unter anderen Umständen hätte Balda den Eindruck genossen. Jetzt war es ihr unheimlich. Ihr war, als hätte sie das spitz bezahnte Maul eines Ungeheuers betreten.
Das Tageslicht riss nach ein paar Metern vollkommen ab, als hätte sich ein Samtvorhang hinter ihr geschlossen. „Safira“, flüsterte sie. Das Licht erschien auf ihrer rechten Schulter. Balda hörte Safira in ihrem Kopf flüstern. Sie verstand nicht alles, sie wusste nur eines: ohne das blaue Flämmchen wäre sie sich sehr einsam vorgekommen. Sie fühlte sich in der Falle, als hätte die Schwärze der Nacht sie verschluckt. Noch durchquerte sie nur den Raum der Höhle. Je weiter sie sich vortastete, desto kälter und feuchter wurde es. Langsam begriff sie, was Murva gemeint hatte mit erstickenden Flammen. Ja, echtes Feuer würde hier drin nicht lange brennen. Und sie wäre ohne Safiras Wärme binnen kurzem bis auf die Knochen durchgefroren. Dankbarkeit für Murva durchströmte sie.
Plötzlich stieß sie gegen eine Wand, hart und eiskalt. Safiras Licht zeigte ihr aber keine. Sie sah nur Höhlenboden um sich, auch vor sich, eigentlich sollte sie weitergehen können, aber da war kein Weiterkommen. Sie streckte ihre Hände aus, fühlte eine Mauer und tastete sich an dem unsichtbaren Hindernis entlang. Ihre Hände leuchteten blau. Zweimal ging sie bis zur natürlichen Höhlenwand zu ihrer Rechten und zu ihrer linken, aber ohne eine Lücke zu finden. Sie überlegte, was sie tun konnte. Eine Idee formte sich in ihrem Kopf: Die Garnspule würde sie führen.
In Safiras Licht ging sie zurück bis zu einem Stalagmiten, holte die Spule hervor und schlang das Fadenende mehrmals um den Kalkzapfen am Boden. Der Faden zog sich dort selbstständig fest und die Spule begann unruhig in ihrer Hand zu tanzen. Balda gab sie frei und ließ sie voranrollen, behielt aber den Faden, der sich um ihr Handgelenk gewunden hatte, in der Rechten. Geführt vom Garn, lief sie auf die unsichtbare Barriere zu. Wieder stieß sie dagegen, aber diesmal gab ein Teil der Mauer nach, schwang nach innen wie eine Tür und ließ sie passieren. Mit einem dumpfen Laut schlug die Pforte zu. Sie war gefangen.
Balda sah sich um. Drei Gänge verzweigten sich hier, einer führte nach rechts, einer nach links, einer geradeaus. Die Spule lief und sprang voran und führte sie in den rechten Gang, dann an der nächsten Abzweigung links und wieder rechts. Sie befand sich in einem komplizierten Labyrinth. Alleine hätte sie niemals hindurch gefunden und schon gar nicht zurück. Die Wände waren aus klarem Eis, sie konnte hindurchsehen. Aber die Sicht wurde immer trüber, je nachdem, wie viele Eisscheiben sie mit ihren Blicken zu durchdringen suchte. Außerdem war es stockfinster hier. Nur Safira gab ihr Wärme und Zuversicht, doch ihr Licht drang nicht weit, denn eisige Nebelschwaden füllten die Gänge bis zur Höhe ihrer Knie. Waren das die gefürchteten Düsternebel? Balda war an einer Abzweigung, wo drei Wege abbogen. Die Garnspule hüpfte bald in diesen, bald in jenen Gang und schien sich nicht entscheiden zu können. „Ich kann dir helfen, Balda“, knisterte Safira in ihrem Kopf. „Ich schau mal, wo das hier hin führt.“
„Halt! Das Garn wird mich richtig führen, lass ihm Zeit. Safira, bleib bei mir!“ Doch das blaue Leuchten entschwebte um die nächste Ecke. „Bin gleich wieder da!“, hörte sie noch, dann war sie allein. Schnell wurde ihr sehr kalt, ihre Hände wurden klamm und steif. Es war stockfinster. Balda hatte jedes Zeitgefühl verloren, ihre Knie wurden weich. Irgendetwas sog ihr die Kraft aus den Gliedern. Erschöpft sank sie an der Eiswand herab. Nur einen Moment ausruhen, sie war so furchtbar müde. Die Nebel hüllten sie vollständig ein. Was sie sich vorgenommen hatte, war völlig unmöglich. Sie schloss die Augen.
Sie wusste nicht, wie lange sie so gesessen hatte. Da zog das Garn an ihrer Hand. Einmal, zweimal und ein drittes Mal. Unwillig löste sie das Band um ihren Arm. Gerade wollte sie die Augen wieder schließen, da hörte sie sonderbare Geräusche. Schnelle Tritte und ein Fauchen und Zischen. Was war das? Sie riss instinktiv die Augen auf, doch sie nahm zuerst nur Finsternis und erstickende Nebel wahr. Bis sie den Lichtschimmer sah. Die Lichtquelle bewegte sich geräuschvoll schnaufend und mit ziemlich großer Geschwindigkeit auf sie zu. Sie sprang auf die Beine, spannte sich an und hatte die Kälte und Müdigkeit vergessen, die eben noch von ihr Besitz ergriffen hatten. Ihr Herz pochte laut in ihren Ohren. Wachsam tastete sie nach ihrer kleinen Armbrust und legte mit zitternden Fingern einen Bolzen ein. Das wandernde Licht kam wenige Meter vor ihr zum Stehen. Erst war es nur eine grüne Lichtkugel, in der ein paar Schlieren liefen, doch von einer Sekunde auf die nächste nahm es die Gestalt eines Drachens an. Es wuchs zusehends. Armlange Zähne und silbrig glänzende Krallen, ein hin und her peitschender Schwanz. Das Wesen bestand zwar nur aus Licht, wirkte dadurch aber nicht weniger bedrohlich. Gelähmt vor Schreck stand Balda gegen die eisige Barriere gedrückt. Was sollte sie mit ihrer Armbrust gegen ein Wesen aus Licht ausrichten? Sie starrte den Drachen an, unfähig, etwas anderes zu tun als das. Bis ein grüner Lichtblitz aus seinem Maul in ihre Richtung zuckte. Sie wich zur Seite. Der Blitz berührte sie am Arm wie ein glühender Draht, schlug mit seinem Zentrum nur Zentimeter neben ihr in die Mauer aus Eis, brannte ein Loch hinein. Es knackte und ein Muster aus feinen Rissen zeichnete sich im ungewissen Licht des Wesens darauf ab. Namenlose Angst ergriff Besitz von ihr. Balda wich zurück, erst langsam, dann schneller und schneller. Wieder ein Blitz, gefolgt vom Krachen des Eises. In atemloser Flucht lief sie davon, stolperte im Dunkel, hetzte weiter. Sie wusste nicht, wohin sie rannte, nur fort von dem Drachen, fort von den Lichtblitzen, um die nächste Ecke, um noch eine. Hinter ihr zischte es, das Ding verfolgte sie. Es kam immer näher und war jetzt so groß wie die Höhle hoch war. Angstvoll blickte sie über ihre Schulter, gerade rechtzeitig, um zu erkennen, dass der Drachen wieder auf sie zielte. Sie warf sich zu Boden. Der Blitz ging über sie hinweg, aber nun war es wohl vorbei. Wehrlos lag sie da, den Kopf mit den Armen bedeckt, die Augen fest zugekniffen. Da erfasste sie ein jäher Stolz. Wollte sie so sterben, auf dem Boden liegend wie ein Feigling? Oder wollte sie aufrecht stehen und sich der Gefahr stellen, auch wenn sie keine Chance dagegen hatte? Sie stand auf, drehte sich zum Drachen um und erwartete den Tod. Grünes Feuer zischte auf sie zu. Es berührte sie, aber im Gegensatz zu vorhin tat es ihr nicht weh. Erstaunt nahm sie wahr, wie der Drache einen Blitz nach dem anderen auf sie abfeuerte, ohne ihr etwas anhaben zu können. Balda bewegte sich auf ihn zu und er wich vor ihr zurück. Der Drache schrumpfte mit jedem weiteren Lichtstoß. Bald war er es, der Angst zeigte. Seine Geräusche wurden immer heller. Schließlich nahm ein ellengroßer Drache vor ihr Reißaus. „Bravo, Balda!“, jubelte die zurückkehrende Safira. „Das hast du gut gemacht“ Dann setzte sie sich wieder auf Baldas Schulter, ein blaues Flämmchen. Erneut breitete sich Wärme in ihr aus und ihre Verzweiflung wich der Zuversicht. Sacht berührte das Garn ihre Hand und eine Schlaufe davon schlang sich wieder um ihr Handgelenk.
Nun folgte sie der Garnrolle von Neuem, um Ecken und Windungen. Bis der Zug an ihrem Handgelenk aufhörte. Durch Safiras Licht sah sie die Spule vor ihren Füßen umher hüpfen. Die Eiswand vor ihr war zu dick, um hindurchzuschauen. Aber eine Rose war hier im Eis eingeschlossen. Und in diesem letzten Gang des Labyrinths lagen viele Knochen und Schädel umher, die noch Fetzen von Winterkleidung trugen. Sie erkannte schaudernd die Überreste von Rala. Waren diese Leute erfroren oder verhungert? Gab es hier noch mehr schreckliche Fallen? Frass die Winterhexe ihre Feinde buchstäblich auf? Balda sah sich suchend um. Es schien keinen Ausgang zu geben. Einer Eingebung folgend, drückte sie ihre blau leuchtenden Hände dagegen. Sie brannten und prickelten, aber sie biss die Zähne zusammen und gab nicht nach. Sie spürte eine starke Hitze an ihren Fingern. Langsam schmolz sie mit ihrer Körperwärme zwei handgroße Löcher in die Wand. Sie schaute hindurch und sah ins Dunkle hinein. Safira schwebte durch das Loch, kehrte diesmal aber schnell zu ihr zurück. „Keine Eiswände mehr, das Labyrinth ist zu Ende.“, zwitscherte sie triumphierend. „Wir haben es geschafft!“
Wie sollte sie aber nun mit ihrem ganzen Körper durch das Eis kommen? Safira flüsterte ihr etwas zu. Balda schmiegte sich eng an die eisige Barriere, jedoch ohne Erfolg. „Nur mit deiner bloßen Haut kannst du das Labyrinth besiegen!“
„Es ist doch schon so kalt hier, ich habe Angst.“
„Denk an den Drachen. Du hast ihn mit deinem Mut besiegt.“ So zog Balda ihre Kleider aus und drückte ihren bloßen Leib gegen die Eis. Safiras Licht hatte sich über ihren ganzen Körper ausgebreitet. Kälte und Hitze gleichzeitig quälten sie, und trotz aller von ihrem Innern ausgehenden Wärme schlugen ihr die Zähne vor Kälte aufeinander und die Teile ihrer Haut, die Kontakt mit der eisigen Mauer hatten, brannten schmerzhaft, doch sie gab nicht nach und drückte weiter. Plötzlich gab das Eis nach und sie fiel hindurch.
Ihr Sturz wurde weich abgefangen. Sie hatte beim Fallen die Augen geschlossen, aber mit dem, was sie nun fühlte, hatte sie nicht gerechnet. Sie lag auf frischem Rasen, grün, kühl und saftig. Wie war das möglich, ausgerechnet hier, an diesem Ort?! Benommen richtete sie sich auf. Schnell zog sie sich an, dann ging sie weiter auf dem weichen Gras, ohne Schuhe, weil sie das lange vermisste Gefühl genoss. Bei jedem ihrer Schritte wurde es heller um sie, die Lautlosigkeit des Eises wich dem Gesang von Vögeln und dem Zirpen der Grillen. Bald konnte sie Bäume erkennen, die über und über mit Blüten geschmückt waren, prachtvolle Apfel-, Pflaumen- und Kirschbäume waren im heller werdenden Licht zu unterscheiden. Krokusse und Tulpen, Hyazinthen und Schneeglöckchen blühten, dufteten und läuteten. Zufriedenheit und Glück ließen Balda laut lachen. Sie war zu Hause, hier würde sie ewig bleiben, mitten in diesen sanften grünen Hügeln. Unter einem Apfelbaum stand ein Holztisch mit Brot und Butter, Äpfeln und Milch in einem Becher. Ihr Magen knurrte und sie wurde sich jetzt ihres Hungers und ihrer Müdigkeit bewusst. Weiter hinten konnte sie eine Weide erkennen mit Kühen und Schafen. Es war idyllisch hier, so wunderschön. Alles um sie herum schien ihr zuzuflüstern: „Du hast dir eine Pause verdient. Setz dich und iss. Bleib einfach hier, solange du willst.“
„Du musst weiter!“, mahnte Safira sie. „Du musst den Grünen Magier finden!“
„Nur eine kleine Rast.“, protestierte Balda. „Ich habe solchen Hunger. Ich will nur schnell einen Happen…“
„Nein!“, schrie Safira und schwebte vor sie hin, ein zorniges kleines Feuer. „Die Sachen sind bestimmt verzaubert.“
„Ist mir egal. Verhungern will ich auch nicht.“, knurrte Balda und griff nach dem duftenden Brot. Blitzschnell legte sich Safira um die Lebensmittel. Balda schloss ihre Hand um den Brotlaib… „Au!“, schrie sie vor Überraschung und Schmerz. Er war glühend heiß. Vorsichtig tastete sie nach dem Apfel, mit demselben Ergebnis. „Safira, ich muss was essen! Lass mich!“
„Nicht hier! Du wirst sicher woanders was finden.“
Wütend trat Balda gegen den Tisch, Safira schwebte um sie herum und versank wieder in ihr. Das Eigenartige aber war, dass die Wut sie ernüchtert hatte. Jetzt erblickte sie auf dem Tisch verschimmelte Brotreste, ranzige Butter, faule Äpfel und eine undefinierbare Flüssigkeit in dem Becher. Die Idylle schmolz und sie war froh, nichts davon zu sich genommen zu haben. Nachdenklich ging sie weiter über eine ausgedörrte Wiese. Sie war wieder auf der Hut.
Jetzt führte der Weg der Spule sie durch einen dämmrigen Wald. Nachdem sie ihm etwa eine halbe Stunde gefolgt war, kam sie zu einer Hütte, vor der eine gebeugte alte Frau auf einer Bank saß. Eine Ziege war an einem Pfahl angebunden und ein Korb mit Holz stand an die Bank gelehnt.
„Guten Tag, mein Kind!“, grüßte die Alte und lächelte freundlich.
„Guten Tag“, antwortete Balda zurückhaltend und wollte schnell weitergehen. Nach der Erfahrung mit dem Brot war sie misstrauisch gegenüber idyllischen Plätzen wie diesem.
„Möchtest du dich ein paar Minuten zu mir setzen?“, rief die Frau ihr hinterher. Plötzlich überkam sie große Müdigkeit.
„Du könntest bei mir einen Becher Ziegenmilch trinken. Dafür hilfst du mir, das Holz hereinzutragen, das ich im Wald gesammelt habe.“
Und Durst hatte sie, furchtbaren Durst. Warum bemerkte sie das jetzt erst? Vielleicht war es keine schlechte Idee, ein wenig auszuruhen und etwas zu sich zu nehmen? Konnte sie der Alten trauen? Sie sah harmlos aus. Was für eine Gefahr konnte schon von ihr ausgehen?! Safira knisterte und flüsterte in ihrem Kopf. „Geh weiter!“
Baldas Beine wollten sie nicht mehr weiter tragen. So kehrte um – eigenartig, zurück laufen konnte sie besser - und setzte sich zu der Alten. Wie gut das tat, die müden Beine auszustrecken. „Was hast du denn vor?“, fragte ihre Gastgeberin mit knarrender Stimme.
„Das darf ich nicht sagen.“
Die Alte begann zu lachen, und es klang, als wenn jemand versuchte, eine lange nicht mehr geölte Tür zu öffnen. Balda lief eine Gänsehaut über den Rücken. Plötzlich fror sie und wusste nicht, warum. Erst als sie ihre eigene Angst begriff, konnte sie ihre Umgebung wieder richtig wahrnehmen: Die Hütte bestand aus Eis und Schnee, die weißen Haare der Frau wehten in arktischem Wind und Schneeflocken stoben daraus hervor. Der Blick ihrer Gastgeberin war hart wie Gletschereis.
„Sooo…“, sagte die Alte gedehnt. „Du bist also das Beste, was dein Land hervorgebracht hat. Meinst du wirklich, der Grüne Magier würde mich verlassen und dir folgen?“ Ihr Lachen klang höhnisch und bösartig. Eine Handbewegung, und sie befanden sich im Innern der Eishütte. Zwei blaue Säulen stützten die Decke. „Komm her, ich will dir etwas zeigen“, lockte sie Balda und zeigte auf einen Spiegel. „Tritt neben mich und schau hinein“
Balda blickte in den Spiegel - und erschrak bis ins Innerste ihrer Existenz. Ein runzliges Gesicht unter weißen Haaren schaute ihr mit entsetztem Ausdruck in den Augen entgegen. Neben ihr stand im Spiegelbild eine junge schöne Frau. Wie konnte das sein? Sah sie wirklich so aus? Als könnte sie ihre Gedanken lesen, antwortete die Winterhexe: „Vielleicht hat Zeit in meinem Labyrinth eine andere Bedeutung als draußen. Möglicherweise sind viele Jahrzehnte vergangen, seit du meine Höhle betreten hast. Oder ich habe mein Alter an dich gegeben und mir deine Jugend genommen. Du siehst, ich habe viel Macht. Wie willst du gegen mich gewinnen?“ Ihr Lachen klang wie der Schrei einer Krähe.
Balda dachte an die Malvianer, die sich auf sie verließen. Sie verdaute noch den Schock, den Frühling ihres Lebens gegen den Winter eingetauscht zu haben. War es aber Wirklichkeit? Oder eine weitere Grausamkeit der Winterhexe? Dennoch, ganz gleich, was mit ihr geschah, musste der Frühling in der Natur wiederkehren. Sie musste den Grünen Magier finden.
Dria wendete sich Balda zu. „Und jetzt wirst du mir als dritte Säule dienen. In den beiden anderen sind schon eure königlichen Berater gefangen. Du bist also in bester Gesellschaft!“
Dria hob die Hand und entfachte eisige Böen um Baldas Gestalt. Beginnend bei ihren Füßen wuchs das Eis um sie herum empor. Schnell war sie von blauer Kälte bis zur Bewegungslosigkeit eingeschlossen. Balda schloss die Augen und konzentrierte sich auf die Wärme in ihrem Innern, obwohl sie erbärmlich fror. Es knackte und knirschte, zunächst nur Zentimeter um ihren Körper, dann brach das Eis in Stücke.
„Wie hast du das fertiggebracht?“, fragte die Winterhexe gefährlich leise. „Na, es wird dir nicht helfen. Da!“, rief sie wütend, und ein Hagel aus kleinen Eiszapfen flog auf Balda zu wie winzige Pfeile. Baldas Gedanken flogen unwillkürlich zu Murvas magischem Schild. Ein rötlicher Schimmer schirmte sie vor der Gefahr ab und ließen die Geschosse zurück zu Dria prallen, die mit einem Schreckensschrei in Deckung ging.
„Jetzt reicht es, Balda!“, rief Dria zornig. Sie schnipste mit den Fingern und begann sich schwindelerregend schnell um sich selbst zu drehen. Balda flogen scharfe Eiskristalle entgegen, trafen sie überall wie kleine Nadeln, als sich der Dria-Tornado auf sie zu bewegte. Murvas Schild war verbraucht. Balda versuchte, ihr Gesicht mit den Armen zu schützen. Durch die Macht des Windes gegen die eisige Wand von Drias Haus gepresst, kämpfte sie darum, einen klaren Gedanken zu fassen und die aufsteigende Panik und Todesangst zu unterdrücken. Die Augen hielt sie fest geschlossen, doch sie fühlte schon, wie Bluttropfen aus zahlreichen kleinen Verletzungen nach hinten über ihren Kopf getrieben wurden. Es brannte wie Feuer – Feuer! War das die Lösung?
Als der Wirbel sie erfasste, presste sie ihre blau leuchtenden Hände hinein, so tief es ging, obwohl ihr Kopf dadurch ungeschützt dem brausenden Kristallwirbel ausgesetzt war. Als Dria Balda umschloss, ging Safiras blaues Leuchten auch auf die Winterhexe über.
„Nein!“, schrie Dria. „Ich taue auf, ich sterbe! Hör auf!“ Die Eiswirbel brachen in sich zusammen und sie prallte vor Balda zurück. Doch Safira dachte nicht daran, Dria freizugeben.
„Das geschieht dir recht!“, meinte Balda. Hoch aufgerichtet und mit leuchtenden Augen stand sie vor Dria.
„Ich gebe dir, was du willst, nur rufe dein Feuer von mir zurück!“, schrie Dria in wilder Panik und wand sich, ganz in Safiras blaues Licht getaucht.
„Gib mir den grünen Magier. Wo versteckst du ihn?“
„Erst rufe dein Feuer zurück, es verbrennt mich, es quält mich!“
„Damit du dann mich wieder angreifst und den Kampf zu deinen Gunsten entscheidest?“, lachte Balda. „Nein, erst lässt du den Grünen Magier frei!“
Wasser lief an Dria herab, erst nur Tropfen, nun kleine Rinnsale.
„Dann komm schnell!“, jammerte die Winterhexe und stürzte davon in die Tiefen ihrer Hütte, gefolgt von Balda. Am hintersten Ende befand sich ein Verließ mit Gittern aus Eisen. Dort saß ein junger Mann in abgewetzter grüner Kleidung auf einem Felsblock. Als er die beiden Frauen sah, sprang er auf. Dria öffnete mit zitternden Fingern das Gefängnis. „So, nun hast du, was du willst!“, kreischte sie dann an Balda gewendet. „Nun verschwinde und nimm ihn und dein Feuer mit!“
Der Grüne Magier starrte Balda an, dann verließ er langsam seinen Kerker, als sähe er seine Umgebung zum ersten Mal.
„Los, komm, wir müssen nach Malvia zurück.“, rief Balda.
„Mütterchen, Ihr seid verletzt!“ Der Grüne Magier nahm ihr geschundenes Gesicht in seine Hände. Die Schnitte verheilten und die Runzeln und Falten glätteten sich wieder zu jugendlicher Schönheit.
„Ihr seid ja ein Mädchen!“, rief er erstaunt aus. „Hat sie Euch das angetan?“ Zornig blickte er sich nach Dria um, aber die verschwand gerade durch ein Loch in der Hüttenwand. „Ich werde mich furchtbar rächen!“, keifte sie wütend. „Wartet nur, ich werde wiederkommen!“ Verwundert blickte der grüne Magier erst Balda an, dann um sich. „Wo bin ich hier?“
„Immer noch vor Drias Kerker!“
„Kerker? Aber ich war eben noch auf einer Sommerwiese! Wie komme ich in diese Eishöhle?“
„Dria hat Euch getäuscht! Der Winter hält an draußen in der Welt, Ihr müsst den Tauzauber sprechen!“
„Gehen wir schnell!“, rief der Grüne Magier aus.
Mit Drias Niederlage lösten sich alle ihre Zauber. Und so tauten die gefangenen Berater aus ihren Säulen auf, auch Thiobolt, der seine Tochter voller Glück begrüßte. Balda und der Grüne Magier nahmen sie mit. Die magische Garnspule führte sie hinaus aus dem Labyrinth, dessen letzte Wand diesmal durch die Anwesenheit des Grünen Magiers getaut wurde. Nach einem kurzen Besuch bei Murva machten sie sich alle auf schnellstem Wege auf nach Malvia, wo sie im Triumph empfangen wurden. Und so setzte der Grüne Magier die Wintertrinker frei, die die Düsternebel vertrieben, überall das Weiß in Grün verwandelten und Blumen und Blüten entfesselten. Und als alles blühte und grünte, als die Vögel begannen, Nester zu bauen, da wurde die Hochzeit des Grünen Magiers mit Balda gefeiert, denn das Frühjahr ist die beste Zeit dafür. Es gab zahlreiche Gratulanten und die Feier dauerte drei Tage und drei Nächte. Und sie lebten glücklich und zufrieden, bis…, ja bis…, aber das ist eine neue Geschichte aus dem Lande Malvia.