Besuch für Elise

Im Altersheim „Abendruh“ nahm an diesem Sonntag alles seinen gewohnten Gang. Nach dem Frühstück standen Handarbeiten auf dem Programm der 79jährigen Elise Grundmann. Sie freute sich schon darauf, denn handarbeiten hatte sie schon immer geliebt. Früher waren es feinste Stickarbeiten gewesen. Aber dafür waren ihre Augen jetzt nicht mehr scharf genug und ihre Finger zu steif, dachte sie voller Bedauern. Alte Hände hatte sie, abgearbeitet, runzelig und rau. Trotz der vielen Pflegecremes. Sie seufzte. Aber das war schließlich nicht zu ändern. Die Hauptsache war, dass heute ihre 19jährige Urenkelin Sabrina mit dem Ur-Urenkelchen kommen wollte! Beim Gedanken daran strahlte sie glücklich. Sabrina und der kleine Marius wollten kommen. Ein halbes Jahr war er jetzt alt. Ein Wonneproppen, wie ihr alle versicherten, die ihn schon gesehen hatten! Heute würde sie ihn zum ersten Mal sehen.

Zum Kaffee wollten die beiden kommen. Vor Wochen bereits hatte Elise den Termin in ihrem Kalender notiert. Heute war es endlich soweit. Träumerisch lächelnd starrte sie in die Ferne und ließ sie ihre Häkelarbeit in den Schoß sinken: Babysöckchen für Marius.  Hellblau. Zwei dunkelblaue Seidenbänder hatte sie sich bereits zurechtgelegt. Zum Durchziehen und Festbinden der Babysöckchen an den kleinen Füßen. Weil Babies es liebten, Söckchen wieder auszuziehen. Sie stellte sich die fertigen Söckchen an den winzigen Füßen vor und ein verklärtes Lächeln ging über ihr Gesicht wie ein lichter Strahl goldener Abendsonne. Sie wirkte um Jahrzehnte jünger, wenn sie so zärtlich lächelte.

Ihre Freundin Marie Müller kam, mühsam auf ihren Stock gestützt, auf Elise zu gewankt und ließ sich neben dieser in einen bequemen Sessel fallen. „Elise, du siehst heute so glücklich aus.“, sprach Marie sie an. Elise schreckte aus ihren Träumereien hoch. Dann wendete sie sich ihrer Freundin zu. „Ach, Marie!“, entgegnete Elise nachsichtig. „gestern habe ich es die doch erzählt: heute nachmittag kommt doch meine Urenkelin mit ihrem kleinen Sohn!“

„Ach, da hast du es aber gut! Ich freue mich für dich!“, erklärte Marie so traurig, dass ihre Worte nicht zu ihrer Stimmlage passten.

„Weißt du was, Marie? Komm doch einfach in mein Zimmer und komm dann mit uns ins Cafe im Erdgeschoss, wo wir hingehen wollen, wenn Sabrina mit dem Baby kommt. Das ist dann fast so, als ob du auch Besuch bekommen würdest!“

Ungläubig sah Marie ihre Freundin an. „Das würdest du für mich tun?“

„Aber ja!“, sagte Elise lächelnd. „Komm nur nach deinem Mittagsschlaf zu mir rüber.“

„Wann wollte dein Besuch kommen?“ , vergewisserte sich Marie.

„Zwischen 3 und 4 Uhr nachmittags. Das Baby muss auch Mittagsschlaf halten. Wenn er aufwacht, dann geht Sabrina mit ihm los.“

„Warum kommt sie dich eigentlich nicht öfter besuchen, Elise?“

„Weil sie mit dem Baby in Stuttgart wohnt und nur ein Paar tage hier in Bremen zu Besuch bei ihren Eltern ist! Deshalb!“

„Hat sie denn keinen Mann? Warum kommt sie mit dem Baby allein?!“

„Doch, sie ist glücklich verheiratet. Ihr Mann heißt Georg. Aber der ist gerade für ein paar Wochen auf Montage.  Und in der Zeit ist Sabrina zwei Wochen bei Ihren Eltern mit dem Kleinen!“

„Und wie halten die Eheleute Kontakt miteinander, wenn sie nicht zu hause ist?“

Ach, Marie, die haben doch heute alle Handys!“

Damit wandte sie sich den Babysocken wieder zu. Sie mussten heute noch fertig werden, denn sie wollte sie Sabrina mitgeben. Sie wusste, das Kind würde sich freuen. Sabrina lebte nicht im Überfluss!

Still lächelnd saß Marie neben ihr und hing ihren eigenen Gedanken nach. Mit einem prüfenden Blick sah Elise sie an. Marie wurde wirklich alt. Sie war schon ziemlich vergesslich geworden. Fast jeden Tag hatte Elise ihr von dem besuch erzählt, den sie erwartete, aber für Marie war es jedes mal wieder etwas Neues gewesen. Dafür konnte sie ihrer Freundin jedes mal wieder auf’s neue Freude machen.

Sie häkelte fleißig weiter. Das erste Söckchen war schon fertig. Eine Stunde später auch das zweite. Liebevoll zog sei die Seidenbänder durch die Bündchen und betrachtete stolz ihrer Hände Werk. Ja, das konnten heute nicht mehr viele Frauen! Sie würde es Sabrina zeigen, wenn diese Interesse hätte, es zu lernen.

Es gongte laut. Zweimal. Mittagessen. Es gab kartoffeleintopf mit Würstchen. Nicht schlecht, aber sie hätte das besser hinbekommen. Früher!

Aber egal, dachte sie, Hauptsache, Sabrina hatte nicht vergessen, dass sie sie heute besuchen wollte! Sie runzelte die Stirn. Ach was, schob sie den Gedanken beiseite, Sabrina war immer schon ein zuverlässiges Kind gewesen! Sie würde schon kommen.  Sie hatte ihre Uroma gerne. Und sie würde ihr den Kleinen mitbringen. Sie würde den Weg der Familie in die Zukunft sehen.  Hatte nicht mal jemand gesagt, wenn es in einer Familie keine Kinder gäbe, hätten alle Generationen zuvor umsonst gelebt?!

Nach dem Essen ging Elise in ihr Zimmer. Sie schaute auf die Uhr: 12.45 Uhr. Bald war es soweit. Elise legte sich zwar auf ihr Bett, wie die Pflegerinnen es ihr geraten hatten, aber zum Schlafen war sie viel zu aufgeregt! Sie malte sich die Besuchsszene tausendmal aus und jedes mal in bunteren Farben.

Da – hatte es nicht gerade geklopft?! Sicher war sie sich nicht, aber sie stand auf und schlurfte zur Tür. Es war – Marie.

Enttäuscht sagte sie: „Komm rein!“

Erwartungsvoll durchstreifte Maries Blick das Zimmer, so wie ein Kind den weihnachtlichen Gabentisch inspizieren würde.

„Sie sind noch nicht da.“, beantwortete Elise Maries stumme Frage. „Der Kleine schläft vielleicht noch, es ist ja erst halb drei!“

Marie nahm bei Elise Platz und sie warteten gemeinsam. Aber um halb vier war Sabrina immer noch nicht da und auch nicht um halb fünf. Traurig blickten sich die beiden Frauen an.  Stumm verließ Marie um sechs Elises Zimmer. Elise legte sich müde und tieftraurig auf ihr Bett und weinte sich leise in einen unruhigen Schlaf.

Um 18 Uhr 30 sah Pflegerin Susanne nach ihr. Eine 16jährige Hilfskraft begleitete sie.

„Was ist denn mit Frau Grundmann?“, fragte das junge Mädchen besorgt, bevor sie das Zimmer der alten Dame betraten.

„Frau Grundmann hat besuch von ihrer Urenkelin erwartet und deren kleinen Sohn.“

„Und sie ist nicht gekommen?! Wie grausam!  Kann man die frau nicht anrufen und ihr ins Gewissen reden?!“

Mit einem prüfenden Blick betrachtete Susanne ihre junge Helferin. War sie reif genug?!  Seufzend entschloss sich Susanne, dem Mädchen zu sagen, was sie wusste: „Ach, Sonja, glaubst du, dass wir das nicht auch schon versucht hätten?!“ Sie zögerte, weiter zu sprechen.

„Hat die Frau denn kein Gewissen?!“, empörte sich Sonja.

„Sabrina kann nicht kommen! Sie und der kleine Marius kamen vor einem Jahr bei einem Verkehrsunfall ums Leben. Sie war auf dem Weg hierher nach Bremen und hätte die alte Dame auch besucht. Der Kleine war damals erst ein halbes Jahr alt.“ Traurig blickte sie der entsetzten Sonja ins Gesicht. „Für Frau Grundmann ist der Kleine weiterhin ein halbes Jahr alt und sie hat ihm schon eine ganze Schublade voller Söckchen gehäkelt. Da ihr Gedächtnis nicht mehr allzu gut ist, erwartet sie fast jeden Sonntag diesen Besuch – der niemals kommen wird. Und die vergessliche Frau Müller – na ja, die leidet mit!“

„Ja, weiß sie das denn nicht? Dass Sabrina und Marius tot sind, meine ich?!“, fragte Sonja verstört.

„Doch, sie hat es einmal gewusst! Sie war bei der Beerdigung gewesen. Als sie damals zurückkam, sprach sie zwei Wochen mit niemandem ein Wort. Nicht mit mir, nicht mit Doktor Herzberg, mit keinem. Danach freundete sie sich mit Frau Müller an. Der hat sie seitdem immer wieder erzählt, dass ihre Urenkelin mit dem Baby sie besuchen will. Und da Frau Müller das immer wieder vergisst…“

„O Gott…“, schluchzte Sonja auf.

Susanne wischte sich mit dem Handrücken über die Augen.  Dann gab sie sich einen Ruck, öffnete leise Frau Grundmanns Tür und spähte in den Raum hinein. Die alte Dame lag auf einem feucht geweinten Kissen und schlief. Pflegerin Susanne zog den Kopf wieder zurück und schloss leise die Tür.

Im Altersheim „Abendruh“ ging der Sonntag mit gewohnter Routine zu ende. Elise und Marie waren nicht zum Abendbrot erschienen. Aber niemand hatte den grausamen Mut, den alten Frauen die Wahrheit zu sagen.