Das Abenteuer des Hermann Gerdes

Der alte Mann ging langsam durch einen lichtlosen Stollen auf der vierten Sohle, in der Rechten sein Geleucht. Wenn er die Grubenlampe etwas höher hielt, so dass sie sein Gesicht beleuchtete, so wie jetzt, zeichneten sich verwitterte Züge ab, deren tiefe Falten und buschige Brauen harte Schatten warfen. Der Kohlenstaub hatte sich darin festgekrallt, als hätte er schon immer in dieses Gesicht gehört, und die Schatten auf den Falten ließen ihn wie ein Teil des Berges aussehen. Genauso fühlte sich Hermann Gerdes auch, denn er war Bergmann in vierter Generation und auch seine zwei Söhne und fünf Enkel arbeiteten in der Grube. Sie war sein Leben und sie würde sein Tod sein.
Jetzt war er dabei, die Stempel zu kontrollieren, bevor die vierte Sohle wieder in Betrieb genommen werden sollte. Er ging von einem Holzpfeiler zum nächsten, klopfte mit dem Hammer dagegen, besah jeden sorgfältig mit Hilfe der neuen Clanny-Lampe von allen Seiten. Dieses neuartige Geleucht hatte den Vorteil größerer Lichtausbeute gegenüber der Davy-Lampe. Es war zwar auch mit einem Flammensieb konstruiert, um Grubengase nicht zur Explosion zu bringen, jedoch war darunter noch ein Glaszylinder eingebaut.
Die morschen Stempel versah Gerdes mit Kreidekreuzen, sie würden demnächst durch neue ersetzt und dann geraubt werden.
Sie waren zu dritt hier unten und hatten sich geteilt, um schneller mehrere Stollen zu inspizieren, Pauli und Watzlaw hielten sich aber auf Rufweite. Das, was sie hier unten taten, war nicht ungefährlich. Wie um diese Tatsache zu bestätigen, polterten ein paar Gesteinsbrocken von der Decke. Der Alte hob die Grubenlampe und warf einen prüfenden Blick auf die Stelle, aber es rutschte nichts mehr nach, als sich die faustgroßen Brocken auf dem Boden verteilt hatten. Probeweise klopfte er mit seinem Hammer dagegen, aber die Decke hielt. Er nickte und ging weiter, den jetzt steiler ansteigenden Gang entlang. Gespenstisch beleuchtete die schaukelnde Lampe die Stollenwand und warf einen schwankenden schwarzen Schatten mit einem Schattenbergmann daran, der an der Wand entlang kroch. Weiter und weiter ging er hinein in den alten Stollen, den Toten Mann, wie solch ein stillgelegter Gang im Berg genannt wurde. Plötzlich erfasste ein ungeheures Dröhnen den Stollen, der Boden unter seinen Füßen bebte, er selbst wurde durchgerüttelt, so dass er sich an der Stollenwand abstützen musste, um nicht zu stürzen. Er hatte den Kopf eingezogen und den rechten Arm schützend vor sein Gesicht gerissen. Als das Poltern und das Rieseln nachließ, sah er hinter sich. Der Schein seiner Lampe beleuchtete die Stelle, von der eben gerade sich Deckgestein gelöst hatte. Hermann Gerdes sah nur eine gewaltige Staubwolke, die feines Gesteins- und Kohlenmehl bis zu ihm trug. Er hustete. Dann rief er laut nach seinen Kumpeln unter Tage. Keine Antwort. Nachdem er den ersten Schreck überwunden hatte, tastete er sich vorsichtig den Gang entlang, bis zu der Einsturzstelle. Aber dort war der Stollen jetzt verschüttet, es war nirgendwo ein Durchkommen. Er rief wieder und wieder, aber er erhielt nur das Echo seiner eigenen Rufe als Antwort- Hermann Gerdes war allein.
Ein paar Minuten stand er einfach nur da und rang um seine Fassung. Dann verließen ihn plötzlich die Kräfte in seinen Beinen und er sank an der Stelle nieder, wo er eben noch gestanden hatte. Die Blendlaterne setzte er vor sich auf den Boden. Wer sollte ihn hier befreien? Waren die anderen auch verschüttet? Denk nach, Gerdes, denk nach! Was kannst du jetzt am besten tun? Doch noch saß der Schock zu tief, als dass er vernünftig hätte überlegen können. Wie mächtig war der Einsturz? Durfte er seine Lampe, sein Licht in dieser Finsternis im Vorhof zur Hölle, angezündet lassen? Hermann Gerdes nahm sein Geleucht wieder auf und betrachtete die Flamme. Sie trug ein nur kleines blaues Hütchen. Solange es nicht größer würde, war die Gefahr schlagender Wetter nicht übermäßig hoch. Denn schlagende Wetter würden ihm den Rest des Stollens auch noch um die Ohren blasen. Darum ging es, wenn er hier unten überleben wollte: nicht, Gefahren zu vermeiden, sondern die Gefährlichkeit einer Situation richtig einzuschätzen. Gefahren gab es unter Tage ständig. Der alte Bergmann hatte sich an diese Tatsache gewöhnt. Deshalb hatten sie ihn ja mitgeschickt, die Stempel zu überprüfen in diesem Toten Mann. Weil er in der Gefahr kaltblütig zu handeln verstand und nicht gleich den Kopf verlor, wenn es mal brenzlig wurde. „Also, was machst du nun, Hermann Gerdes?“ fragte er sich laut. Lange würde die Lampe sowieso nicht mehr brennen, aber wenn sie einmal aus war, konnte er sie nicht wieder entzünden. Und die Flamme sagte ihm dreierlei: erstens gab sie ihm Hinweise auf die Menge des Grubengases, das sich in der Luft des Stollens befand. Zweitens gab sie ihm Auskunft darüber, ob überhaupt noch genügend atembare Luft hier in dem Stollen war, denn die stillgelegten Gänge wurden nicht mehr aktiv bewettert, und nachdem ein Teil jetzt eingestürzt war, wusste er nicht, wie lange der Luftvorrat noch reichen würde. Und drittens spendete sie ihm Licht, dass er unter Tage sehen konnte, und Licht war Hoffnung. So beschloss er, die Lampe brennen zu lassen.
Er wusste, er sollte sich nicht weit von der Einsturzstelle entfernen, damit die Rettungsmannschaft ihn schneller würde finden können. Also blieb er, wo er war, klopfte nur hin und wieder mit dem Hammer an die Stollenwand. Noch ein weiteres Problem drängte in seinen Fokus. In dünnen Fäden, aber stetig und beinahe lautlos, lief schwarzes Wasser an der Stollenwand herab und sammelte sich in einer immer größer werdenden Lache an der Einsturzstelle. Hermann Gerdes beobachtete den Anstieg des Wasserspiegels. Er saß etwas erhöht ein paar Meter weiter, aber es war nur eine Frage der Zeit, bis der nasse Tod ihn erreichen würde. Wie lange er so dasaß und dumpf über seine Chancen brütete, hier doch noch lebend heraus zu kommen, wusste er nicht zu sagen. Zunehmende Verzweiflung kroch geradezu körperlich in ihm empor. Als die Furcht schließlich sein Herz erreichte, hörte er eine Stimme: „Hermann!“
„Wer ist da?“, rief er voller Hoffnung. „Wo bist du?“
„Hier!“, ertönte es wieder, aber er konnte den Ruf nicht orten. Ihm war, als käme die Stimme aus seinem eigenen Kopf. War das der Beginn des Verrücktwerdens? Drehte er jetzt völlig durch?
Als hätte die Stimme seine Gedanken erraten, antwortete sie: „Nein, du bist nicht verrückt. Ich bin dein Schatten, den deine Lampe wirft. Es ist gut, dass du das Licht nicht gelöscht hast.“
Ungläubig drehte sich Hermann Gerdes zu seinem Schatten um. Dieser nahm jetzt eine andere Position ein als er selbst. Der Schattenbergmann bewegte sich, obwohl er selbst still verharrte, bewegungsunfähig vor Schreck und Verwirrung. Wie konnte das sein? Gerdes war immer von nüchterner Denkart gewesen. Hätte ihm jemand eine solche Geschichte erzählt, er hätte den Mann nicht ernst genommen. Und nun sollte ausgerechnet ihm so etwas passieren?
Während er den Schattenmann anstarrte und jede seiner Bewegungen verfolgte, war dieser an seine linke Seite getreten und hatte sich neben ihm niedergelassen. Er warf ebenfalls einen prüfenden Blick auf die Flamme mit dem das blaue Hütchen und auf den kleinen See. „Ich glaube, du musst dich jetzt beeilen, hier rauszukommen.“, sagte er bestimmt. „Das blaue Flämmchen ist gewachsen, also steigt das Grubengas an. Das Wasser wird dich bald erreichen. Und dein Licht wird vielleicht noch eine Stunde vorhalten. Wenn es aus ist, bin ich fort und kann dir nicht mehr helfen.“
Bedächtig und mit heiserer Stimme antwortete Gerdes: „Kannst du mir denn helfen? Kennst du dich hier aus?“
„Ich bin gerufen worden durch deine Not. Ich bin der Geist der 59 Knappen, die hier in diesem Berg 1882 zu Tode kamen. Damals gab es eine Schlagwetterexplosion, die fast alle sofort getötet hat. Die letzten vier Kumpel haben länger überlebt, denn sie fanden einen Weg heraus aus dieser Todesfalle. Zu denen zählte auch August Gerdes, dein Großvater, als der ich jetzt zu dir spreche. Damals waren wir mit dem Abbau noch nicht so weit wie ihr heute, und so erstickten wir langsam am toten Ende einer Spalte, nachdem unsere Lampen schon lange ausgegangen waren. Jetzt helfen wir jedem Bergmann, der hier unten in Not gerät.“
Hermann Gerdes schluckte. Es gab niemanden hier in der Zeche, der noch nichts von dem furchtbaren Bergunglück gehört hatte. Seitdem waren alle Kumpel lebend geborgen worden, die hier verunglückt waren. Die Ingenieure erklärten das immer mit ihren hohen Sicherheitsstandards und dem Einsatz modernster Technik. Sie waren sehr stolz auf diesen Erfolg. Und nun stellte sich heraus, dass es sich mehr oder weniger um Magie handelte? Konnte Hermann Gerdes das glauben? Andererseits, was hatte er zu verlieren?
„Und du kannst nur als Schatten in Erscheinung treten?“, wollte Gerdes wissen.
„Ja.“
Gerdes wollt dem Schattenbergmann gern vertrauen. Kumpel halfen einander, sie waren auf einander angewiesen. Und dieser hier behauptete, den Geist seines Großvaters zu beherbergen. Wenn das stimmte, konnte er den Schatten auf die Probe stellen. Also fragte er:
„Wenn du mein Großvater bist, kannst du mir dann sagen, wie du damals die Großmutter kennengelernt hast?“
Hermann Gerdes fühlte, wie der Schatten lächelte. „Das kann ich dir sagen. Ich kam um Mitternacht von der Schicht, es regnete in Strömen und stürmische Böen jagten um die Ecken. Blitze zuckten über den nächtlichen Himmel und Donner rollte wie ein Hund im Berg. Im grellen Licht eines Blitzes sah ich sie, wie sie auf einem Baumstumpf saß, zitternd vor Kälte und völlig durchnässt vom Regen. Sie hatte geweint. Ich bot ihr an, sie nach hause zu begleiten, und so kam sie mit mir, erschöpft wie sie war. Sie vertraute mir an, dass sie schwanger sei und sich vor dem Zorn ihres Vaters fürchtete. Aber mich hatte es bei ihrem Anblick wie der Blitz getroffen. Von da an bin ich mit ihr ausgegangen und wir haben kurz darauf geheiratet. “
Die Geschichte stimmte. Es war ein Geheimnis, das niemand wissen konnte, der nicht zur Familie gehörte. Hermann nickte und fragte dann:
„Was schlägst du vor, was soll ich tun?“
„Warte kurz hier, ich will sehen, wohin der Stollen führt.“
„Der endet in etwa hundert Metern!“, rief Gerdes ihm hinterher. Er unterhielt sich jetzt mit dem Schatten wie mit einem Menschen, was ja in gewisser Weise auch stimmte, nur dass dieser Kollege nicht später in der Waschkaue alle Kohlenschwärze würde abwaschen können. Dieser Schatten der Bergleute würde für immer schwarz bleiben. Und hier unten Wache halten…
Schon nach ein paar Minuten kehrte der Schatten zurück. „Folge mir.“, befahl er knapp. Der Alte stand auf und folgte seinem Schatten, auch wenn ihm das Paradoxe der ganzen Angelegenheit in dem Moment nicht auffiel. Der Schatten führte ihn zum Ende des Ganges, dann wies er ihn an: „Leuchte dort links in die Ecke. Siehst du die Spalte im Berg? Du musst sie mit deinem Hammer etwas weiter machen.“
Stumm und entschlossen hämmerte Gerdes auf den Kalkstein ein, brach faustgroße Stücke heraus und erweiterte den Eingang der Spalte so, dass er hindurch passte. Dann schlängelte er sich mühsam hinein, presste sich im Berg durch die enge Öffnung, ständig ermutigt vom Schatten seines Großvaters. Harte, scharfe kanten bohrten sich in seinen Rücken, seine Beine und Arme, er schrammte an ihnen entlang. Hinter dem Engpass erweiterte sich der Gang, doch stieg der Boden steil an und war unregelmäßig, so dass der alte Gerdes immer wieder an schmalen Stellen über Schutt klettern und sich durch enge Öffnungen zwängen musste. Der alte Bergmann musste nun öfter Pausen einlegen, weil er kaum Luft bekam, sei es durch die anstrengende Kletterei oder sei es durch den geringen Sauerstoffgehalt der Luft, die ihn umgab.
„Und du bist sicher, dass dieser Weg ins Abbaugebiet führt?“, keuchte Gerdes, an seinen Schatten gewandt. Sein Arbeitshemd war nass vor Schweiß. Je weiter er in der Spalte vorwärts kam, desto wärmer wurde es.
„Es ist nicht mehr weit.“, sagte der Schatten, der viele war. Seufzend setzte sich Hermann wieder in Bewegung. Alle Muskeln schmerzten ihn und die Lunge brannte wie Feuer. Mit der ihm eigenen Sturheit und Willenskraft zwang er sich, über das nächste Hindernis zu steigen und kurz darauf über noch eins. Dann sank er kraftlos in die Knie. Vor seinen Augen drehten sich feurige Räder. Hier würde sein Leben enden, und es war ein langes, ein erfülltes Leben gewesen. Gleich würde er seine Hilde wieder sehen, die vor drei Jahren im Winter an Lungenentzündung gestorben war.
„Hermann!“, rief es.
„Hilde“, flüsterte er und schloss die Augen.
„Unsinn, ich bin nicht Hilde. Deine Zeit ist noch nicht gekommen. Denk an deinen Sohn, der sich um dich sorgt. Hermann, mach die Augen auf und schau in dein Geleucht!“
Wie aus einem Traum gerissen, tat Hermann Gerdes, wie ihm geheißen worden war. Das Flämmchen war wieder größer geworden, und er merkte, wie bessere Wetter ihm die Lungen füllten, holte dankbar und tief Atem. Sein Lebenswillen erwachte wieder, er rappelte sich auf und stolperte vorwärts, den höher und weiter werdenden Gang entlang. Ein frischer Luftstrom kam ihm entgegen. Zum Schluss wurde es wieder eng in der Spalte und er musste sich den Weg freischlagen. Völlig erschöpft quetschte er sich durch den jenseitigen Ausgang der Spalte und stand in einem Fördergang. Zwei Kumpel, die dort arbeiteten, kamen ihm entgegen und fingen ihn auf, als er zusammenbrach.
„Einsturz – im Toten Mann - Vierte Sohle – Wassereinbruch - noch zwei Mann unten – helfen“, flüsterte er ihnen zu, bevor ihm die Sinne schwanden. Später konnte er sich nicht mehr daran erinnern.
Am nächsten Abend kam er wieder zu sich. Eine Lampe brannte neben seinem Bett. Hermann Gerdes richtete sich auf.
„Großvater?“, fragte er leise. „Bist du noch da? Ich habe mich noch gar nicht bei dir bedankt.“
Er beobachtete die riesige Version seiner selbst an der Wand. Winkte und hob ein Bein. Doch sein Schatten machte ihm alles nach. „Kannst du jetzt nicht antworten? Macht nichts.“, lächelte er und zwinkerte ihm zu. „Ich weiß noch, was du für mich getan hast.“
„Vater?“, ertönte plötzlich eine Stimme hinter ihm. „Mit wem sprichst du?“
„Mit niemandem“, antwortete Hermann Gerdes würdevoll. „Ich bin ein alter Mann, ich rede manchmal mit mir selbst.“
„Ist alles in Ordnung mit dir?“, fragte Peter Gerdes leise. „Ich wollte nur nach dir sehen und dir erzählen, dass Pauli und Watzlaw lebend geborgen worden sind. Ohne dich hätten wir sie niemals gefunden. Wir konnten sie in letzter Sekunde befreien.“
Hermann Gerdes betrachtete seinen Sohn, dessen Gesicht noch immer vom Kohlenstaub geschwärzt war. Das Licht der Lampe ließ Peters Augen blau aufblitzen, erstaunlich hell durch den Kontrast, wie Saphire in dunklem Gestein. Jetzt blickten sie besorgt.
„Danke, mein Junge“, lächelte der Alte. „Ich werd schon wieder auf die Beine kommen. Aber diesmal war es knapp.“
„Wie bist du da nur rausgekommen?“
„Durch eine Spalte im Berg…“, sagte Hermann Gerdes leise und dachte an den Schattenkumpel.
„Woher hast du gewusst, dass die Spalte in unser Abbaugebiet führt? Du hast mir doch früher immer eingeschärft, ich soll niemals in solche Spalten vordringen, die würden immer blind enden?!“
Hermann Gerdes lächelte nur. Diesen Teil der Geschichte würde er für sich behalten.