Die Spieluhr
Linda Plummer war auf dem Heimweg von der Arbeit. Sie musste nur noch um die Ecke mit dem Voodoo-Laden gehen, dann wäre sie gleich zu Hause. Wie immer in den letzten Wochen saß Gail, die Besitzerin, in einem Klappsessel vor der Tür und schien zu einem kleinen Schwätzchen aufgelegt. Sie war eine sehr dicke dunkelhäutige Frau, die in einen bunten Sarong gehüllt war und sie breit anlächelte. Ihr Alter war schwer zu bestimmen, aber jung war sie gewiss nicht mehr.
„Hallo, Schätzchen, willst Du dich heute mal in meinem Laden umschauen?“ grüßte sie freundlich.
„Ein anderes Mal gerne, Gail.“
„Ich habe für alle Gelegenheiten das Richtige, Partys oder Geburtstage, wenn du etwas Ungewöhnliches suchst. Ich lese auch aus der Hand oder mache ein Horoskop für dich, Liebes.“
„Vielleicht morgen“, lächelte Linda.
Kurz darauf betrat sie den achtstöckigen Wohnblock, in dem sie eine winzige Wohnung gemietet hatte. Sie ging zu den Briefkästen und schaute in ihr Fach. Einen Schlüssel brauchte sie dafür nicht, denn das Schloss war schon lange kaputt. Seufzend nahm sie die Briefe hinaus, von denen ein Nachbar bereits einige geöffnet und durchgesehen hatte, vermutlich dieser sonderbare Mr.Smith aus der ersten Etage. Sie wusste nicht einmal, ob sie alle ihre Briefe wirklich bekam.
Wie sie dieses Haus hasste! Die meisten Nachbarn waren heruntergekommene Typen, vom Leben enttäuscht oder zu faul, um etwas erreichen zu können. Sie dagegen war mit ihren 22 Jahren noch zu jung und ihr Gehalt als Evaluateurin für Parfüm in New York war zu gering, um eine Wohnung in einer besseren Gegend als der East Side bezahlen zu können. Dabei könnte sie die Düfte viel besser selber kreieren, als immer nur die Fehler der anderen auszubügeln. Seit fast einem Jahr lebte sie nun schon in New York, aber sie hatte in dieser Metropole kaum Menschen kennen gelernt, die ihr etwas bedeuteten. Es schien hier schwerer zu sein, Freundschaften zu knüpfen, als anderswo. Die Menschen schienen ihr oberflächlicher, unverbindlicher – und einsamer. Während sie die Treppen hinauflief in den sechsten Stock – natürlich war der Fahrstuhl schon wieder kaputt – wurde sie immer wütender. Das ganze Treppenhaus war trotz der flackernden Neonröhren dunkel und dreckig. Im vierten Stock hatte einer ihrer Nachbarn einen alten Kleiderständer in den Hausflur geworfen. Fluchend drückte sie sich daran vorbei, auf der Hut, nicht zu stolpern.
„Nicht ärgern, Linda, das ist es nicht wert.“, sprach sie jemand an, der von oben kam. Es war ihr Nachbar James, der unter dem Dach wohnte. „He, wo ich Sie gerade treffe“, begann er mit entwaffnendem Lächeln. „Wollen wir Freitag Abend ins Kino?“
Seit er hier wohnte, waren sie schon ein paar Mal ausgegangen. Sie mochten die gleichen Weine, die gleiche Musik.
„Da habe ich leider schon was vor… meine Freundin Heather hat Geburtstag.“, sagte sie in bedauerndem Tonfall. Enttäuschung malte sich auf James‘ offenes Gesicht. „Aber am Samstag hätte ich Zeit…“, fügte sie schnell hinzu und schenkte ihm einen verführerischen Augenaufschlag. Der junge Mann lächelte.
„Also dann bis Samstag…“, sagte er und lief weiter nach unten, während Linda nach oben ging.
Zwischen dem 5. Und dem 6.Stock klebte die Treppe, als sei da Sirup ausgelaufen. Nein, sie würde die Treppe nicht sauber machen, nahm sie sich vor. Gleichzeitig fragte sie sich innerlich, was denn auf einmal mit ihr los war. Gab sie jetzt genauso auf wie alle anderen hier?! War sie schon so weit? Dieses Haus schaffte sie, tat ihr nicht gut. Sie musste hier raus, irgendwie! Wenn sie doch bloß die Beförderung bekommen würde! Sie hatte sich in den letzten Wochen so sehr dafür angestrengt! Wenn sie sich doch nur einmal etwas wünschen könnte, das auf jeden Fall in Erfüllung gehen würde! Sie würde alles dafür geben.
Sie schloss ihre Wohnungstür auf, hängte ihre Handtasche an die Garderobe und ließ sich in ihren Lieblingssessel am niedrigen Wohnzimmertisch fallen. Dann schaute sie ihre Post durch und öffnete die Briefe, bei denen die Nachbarn ihr diese Mühe noch nicht abgenommen hatten. Ein Brief war ungewöhnlich. Er stammte von einem Rechtsanwalt und lautete folgendermaßen:
„Sehr geehrte Miss Plummer,
bitte melden Sie sich bei uns in der Erbangelegenheit Ihrer Tante Pearl Bleye. Sie sind die einzige lebende Verwandte, die wir ermitteln konnten, und damit Universalerbin Ihrer Tante. Bringen Sie bitte zur eindeutigen Identifizierung Ihrer Person Ihren Ausweis mit.
Mit freundlichen Grüßen,
Dr. Jonathan Grape, Rechtanwalt“
Auf dem Briefkopf war eine Adresse in der Innenstadt angegeben und eine Telefonnummer.
Sie las den Brief wieder und wieder. An eine Tante Pearl konnte sie sich nicht erinnern. Aber das war nicht weiter verwunderlich, denn in ihrer Familie hatte es wenig Zusammenhalt gegeben. Ihre Eltern hatten sich getrennt, als sie selbst zwei Jahre alt gewesen war. Inzwischen waren sie beide gestorben und hatten sie, wie sie dachte, allein zurückgelassen. Vielleicht war diese Tante Pearl eine Schwester ihres Vaters gewesen? Sie zuckte die Achseln. Sie würde den Anwalt fragen.
Ein anderer Gedanke aber breitete sich in ihr aus: Vielleicht war Tante Pearl reich gewesen? Sie schüttelte den Kopf und wies sich innerlich zurecht. Sie hätte jetzt eigentlich traurig sein müssen, immerhin hatte sie ihre letzte Angehörige verloren. Aber so intensiv sie auch in sich hinein lauschte, sie fühlte nicht viel, als sie an die unbekannte Tante dachte. Allenfalls leichtes Bedauern darüber, dass sie nicht früher von ihrer Existenz erfahren hatte. Und Ärger, dass sie jetzt die Formalitäten mit dem Rechtsanwalt am Hals hatte – wie seltsam.
Am nächsten Tag rief Linda in der Kanzlei an und ließ sich einen Termin geben. Sie war erstaunt, dass die Sekretärin ihren Besuch für den gleichen Tag einplante. Also ging sie schon in der Mittagspause und fuhr zu Dr.Grape. Mit gespannter Erwartung betrat sie die luxuriös eingerichteten Räumlichkeiten und wurde in ein angenehm helles, freundlich wirkendes Sprechzimmer gebeten, das nach Holzpolitur und Aktenstaub roch. Sein Licht erhielt der Raum durch ein großes Panoramafenster gegenüber der Tür, wenngleich das Panorama, das sich ihr bot, nur bunte Leuchtreklamen an der grauen Fassade gegenüber zeigte.
Hinter einem großen Mahagonischreibtisch saß ein kleiner, vertrocknet aussehender Mann. Er hatte eine runde Brille auf der Nasenspitze und reichte ihr die Hand.
„Ich bin Dr.Jonathan Grape. Mit wem habe ich das Vergnügen?“
„Linda Plummer“, stellte sie sich vor. Da klopfte es an der Tür und eine Sekretärin kam herein. „Entschuldigung, dass ich stören muss, Dr.Grape, aber hier ist Ihr Gespräch mit Phoenix“, verkündete sie und wedelte mit einem schnurlosen Telefon. Dr.Grape blickte an Linda vorbei zur Tür.
„Danke, Phillis“, sagte er und dann an Linda gewandt: „Tut mir Leid, es dauert nicht lange. Auf dieses Gespräch warte ich seit einer Woche.“ Er lächelte entschuldigend und verließ das Büro. Schwach blieb der Duft seines teuren Rasierwassers im Raum präsent.
In wachsendem Maße beeindruckt blickte sich Linda in dem Zimmer um. Es war ziemlich groß, die Wände in einem warmen Ockerton gestrichen, gute Gemäldereproduktionen hingen dort: ein Van Gogh, ein Matisse, mehrere kleinere Gemälde zeitgenössischer Maler. Der Mahagoni-schreibtisch beherrschte den Raum, dahinter ein großer weißer Ledersessel, der teure Eleganz ausstrahlte. Der Teppichboden war sandfarben und sah neu aus, Linda saß auf der anderen Seite des Schreibtisches auf einem weichen und bequemen Lederstuhl. Helle Holzregale mit Unmengen von juristischen Büchern hinter dem Schreibtisch vervollständigten das Bild. Dennoch sah der Raum nicht überladen oder vollgestopft aus, im Gegenteil, er wirkte großzügig genug, um darin zu tanzen. So weit war Linda mit ihren Überlegungen gekommen, da betrat Dr.Grape wieder den Raum und überprüfte ihre Papiere. Dann lächelte er verbindlich und sagte:
„So, dann wollen Sie jetzt sicher wissen, was Sie geerbt haben?“
Linda nickte. Sie hatte auf einmal einen Kloß im Hals ohne zu wissen, warum.
„Ihre Tante besaß ein Haus in einem Vorort von New York, das ist jetzt Ihr Eigentum, wenn Sie das Erbe antreten wollen.“ Die halb versteckte Frage war kaum zu überhören. Linda blickte ihn forschend an. Was sollte das denn jetzt bedeuten? Gab es einen Haken bei dem Erbe?
Am Stadtrand wisperte es durch ein kleines Häuschen, das schon ein paar Wochen leer stand: Linda…
Als hätte er ihre Gedanken erraten, lachte Dr.Grape. Es war ein hustendes Lachen, irgendwie staubig. „Soweit wir feststellen konnten, hat Ihre Tante keine Schulden hinterlassen.“
Linda atmete erleichtert auf.
„Ich kann Ihnen die Schlüssel geben, wenn Sie mir den Empfang quittieren. Schauen Sie sich das Haus an. Wenn Sie das Erbe antreten wollen, füllen Sie dieses Formular aus und schicken es in unser Büro.“, bei diesen Worten drückte er ihr ein rosafarbenes Formblatt in die Hand, „Oder Sie schicken uns innerhalb einer Woche die Schlüssel zurück.“
„Ich hatte keinen Kontakt mit Tante Pearl. War sie die Schwester meines Vaters?“
Aufmerksam betrachtete sie der Anwalt über seine Brille hinweg. Dann sagte er langsam: „Die Schwester Ihrer Mutter…“
Ich fühle, dass du kommst. Ich warte nun schon so lange.
Bei dem üblichen Verkehrsinfarkt, der alle Ausfallstrassen der Stadt um diese Zeit lahmlegte, brauchte sie mit dem Bus eineinhalb Stunden, um Tante Pearls Häuschen zu erreichen.
Komm zu mir…
Das Haus war nicht groß, aber es hatte Charme. Linda verliebte sich sofort in dieses Hexenhäuschen mit dem wilden Garten. Es war von einem Zaun umgrenzt, ungewöhnlich für die Gegend. Sie öffneten die Gartenpforte, die mit leisem Quietschen antwortete. Dann schloss sie die Haustür auf. Es roch aber nur ein wenig muffig hier, es war ja auch lange nicht gelüftet worden. Sie ließ die Haustür offen, lief weiter in einen großen Raum, zog die Vorhänge beiseite und ließ das blendend helle Licht des Sommernachmittages ins Wohnzimmer. Bald hatte sie alle Zimmer gesehen. Das Haus gefiel Linda gut. Es war zwar ein wenig vernachlässigt, aber das würde sich mit etwas Farbe an den Wänden und viel Liebe wieder richten lassen. Sie sah um sich, stellte im Geiste ihre Wohnzimmereinrichtung hinein. Das könnte ihr gehören, wenn sie…
Ja, nimm es, es gehört dir. Sie hat es dir zugedacht.
…das Erbe antrat. Genau das würde sie tun. Sie holte das Formular hervor und füllte es aus.
Seit zwei Stunden saß Linda in Tante Pearls Wohnküche auf einer Bank am Fenster und stöberte in einem anderen Leben herum. Vor ihr auf dem Tisch lagen alte Briefe und vergilbte Fotos. Sie fand es spannend, all das zu betrachten und zu lesen. Sie wollte ihre Tante im Nachhinein kennen lernen, wenn sie sie schon lebendig nicht gekannt hatte. Ein Klopfen an die Scheibe riss sie aus ihren Gedanken. Sie blickte auf und in das runzelige Gesicht einer alten Frau, die sie misstrauisch anstarrte. Linda erhob sich lächelnd und ging zur Haustür. Die Alte kam zu ihr geschlurft: „Wer sind Sie? Was machen Sie hier?!“, keifte sie Linda an. Linda lächelte und sagte: „Ich bin Linda Plummer. Mrs.Bleye war meine Tante. Tut mir Leid, wenn ich Sie erschreckt habe.“
„Oh“, machte die Alte verblüfft. „Ich wusste gar nicht, dass Sie eine Nichte hatte. Ich bin Mrs.Rose und wohne dort drüben“, sie zeigte hinter sich, „und ich habe gesehen, dass die Vorhänge offen sind. Man weiß ja nie…“ Und mit wiederkehrendem Misstrauen fragte sie: „Warum haben Sie Ihre Tante denn nie besucht?“
„Wir hatten keinen Kontakt. Ein Anwalt hat mir geschrieben…“
„Ihre Tante war sehr einsam. Keiner hat sie vermisst.“, erklärte Mrs.Rose munter.
„Wie hat man meine Tante dann gefunden?“
„Wissen Sie, die Terrassentür war nur angelehnt. Es roch unangenehm… und da war… ein sonderbares Summen… ich habe die Polizei gerufen, die hat sie dann gefunden…“
Linda musste schlucken. Plötzlich war ihr ganz übel. Mit der Faszination des Grauens stellte Linda trotzdem noch eine Frage: „Was für ein Summen…?“
„Fliegen… sie vermehrten sich… “, erklärte Mrs.Rose. Sie schien es genießen, darüber zu sprechen. „Ich habe sie identifiziert. Sie muss schon zwei Wochen dort gelegen haben. Und ich dachte, sie wäre verreist…“
Linda nickte, schwieg jedoch. Sie konnte jetzt nicht sprechen, weil sie sich sonst übergeben hätte. Sie war selber schuld, sagte sie sich. Sie hatte es ja unbedingt wissen wollen. Ein Schauer überlief sie, als würde ihr jemand mit einem Eiswürfel an der Wirbelsäule entlang streichen. Vergeblich versuchte sie, sich gegen die Bilder zu wehren, die in ihr aufstiegen: eine Frau, die seit zwei Wochen tot war, schwarz von Fliegen und weiß von Maden…
Linda versuchte, die Bilder zu verdrängen und fuhr mit ihrer Suche fort. Auf einem Foto hatte sie eine antik aussehende Spieluhr entdeckt, die ihr irgendwie vertraut schien. Es war ein wunderschönes Stück, fein ziseliert, mit einer tanzenden Primaballerina auf seiner Oberseite. Sie konnte beinahe die Melodie hören und die Figur tanzen sehen. Wo konnte Tante Pearl sie hingetan haben? Ein eigenartiges Gefühl, beinahe ein Sog, führte Linda in einen kleinen Raum neben dem Wohnzimmer. Irgendwo hier musste sie sein, das spürte sie genau.
Ja, such mich, komm näher, gleich hast du mich entdeckt…Du kennst mich, oder?
Auf einem kleinen Tisch am Fenster fand Linda die Spieluhr. Sie war schön, sogar noch schöner, als sie sie in Erinnerung hatte – ja, ganz recht, sie erinnerte sich an die Spieluhr oder vielmehr an das wohlige Gefühl, das sie in ihr ausgelöst hatte. Es war unendlich lange her. Sie strich mit dem Zeigefinger zärtlich über die Tänzerin. Linda blies den Staub ab und trug sie ins Wohnzimmer.
Nimm mich mit, ja, gut so. Zieh mich auf, spiele mich, du wirst es nicht bereuen…
Linda war plötzlich von einer erwartungsvollen Unruhe erfasst und konnte es gar nicht erwarten, die Uhr aufzuziehen. Aber als sie den Schlüssel drehen wollte, spürte sie einen Widerstand. Sie schaute genauer hin und bemerkte ein Stück Papier, das in der Mechanik steckte. Sie zog es heraus…
Wirf es weg…
…und steckte es gedankenverloren in die Tasche ihrer Jeans. Dann ließ sich der Schlüssel drehen.
Du musst mich ganz aufziehen. Dann erst kann es funktionieren…
Sie zog sie ganz auf. Sie wollte die ganze Melodie hören. Aber als sie den Schlüssel losließ und sich die Mechanik zu bewegen begann, verschwamm plötzlich der Raum um sie, in dem sie saß. Sie bewegte sich frei schwebend inmitten bunter Schemen, alles drehte sich um sie. Die Melodie verschlang sie geradezu, so sehr erfüllten die Klänge ihre Seele.
Wünsch dir etwas, ich werde es dir erfüllen, was es auch sei. Aber wisse, dass dich mit Erfüllung dieses Wunsches ein Mensch weniger kennen wird, der dir nahe steht. Ich werde für dich wählen, wer dich vergessen soll…
Wenn sie sich jetzt die Beförderung wünschte? Es war perfekt. Wen kannte sie schon, der wichtig für sie war? Und wenn jemand sie vergessen würde, dann konnte sie die Bekanntschaft ja von Neuem arrangieren… Ja, sie hatte sich entschieden. Sie wollte die Stelle als Parfümdesignerin. Man würde sie endlich ernst nehmen. Sie hätte ein besseres Gehalt und Britta, die dumme Kuh, würde ganz schön blöd aus der Wäsche gucken. Schließlich war Britta schon zwei Jahre länger dabei als sie selbst und rechnete fest mit dem Job. Das hatte sie Linda sehr deutlich spüren lassen.
Es sei, wie du wünschst. Morgen.
Die Spieluhr war abgelaufen und Linda fand sich auf der Küchenbank wieder, auf der sie vorher gesessen hatte. Die Spieldose hatte sie noch in der Hand. Ihr war komisch zumute, ein wenig schwindelig, aber sonst hatte sich nichts verändert. Sie schüttelte den Kopf. Was war das denn gewesen?! Sie musste lachen. So ein Unsinn, sie musste eingeschlafen sein und krudes Zeug geträumt haben. Behaupteten die Wissenschaftler nicht immer, Träume hätten in Wirklichkeit nur die Dauer von Sekunden? Nein, leider würde es noch nicht ihre Beförderung sein, das wusste sie innerlich sehr gut. Auch, wenn es ihr gefallen würde. Und da war noch etwas… irgendjemand würde sie jetzt vergessen haben?! Sonderbar, das war in ihrem Gedächtnis haften geblieben, wie eingeätzt in ihrem Hirn: Ein Mensch wird dich vergessen haben…
Am nächsten Tag erschien sie zur Arbeit wie sonst auch. Die Kollegen begrüßten sie aufgeregt:
„Du weißt doch, heute wird verkündet, wer von euch beiden das Rennen um die Beförderung gemacht hat: du oder Britta.“
„Genau!“, strahlte ihre Freundin Heather. „Ich drücke dir die Daumen! Du hättest es verdient! Wenn du den Job bekommst, stoßen wir morgen an meinem Geburtstag darauf an. Komm einfach eine halbe Stunde früher.“
„Danke!“, lächelte Linda.
Der Chef kam herein und sagte schmunzelnd: „Die Entscheidung der Geschäftsleitung ist jetzt da. Linda Plummer hat die Geschäftsleitung überzeugt und den Job bekommen!“
Erst war es still, dann setzte ein Gemurmel der Kollegen ein. Ihre Kollegin Heather schüttelte ihr strahlend die Hand. „Gut gemacht!“ Auch Britta quetschte ein „Super, Linda!“ zwischen den Zähnen hervor – ihre Augen sagten Linda, dass Britta sie zur Hölle wünschte. Wie betäubt fühlte sie sich, wo sie doch am Ziel ihrer Wünsche war. Wochenlang war sie auf Seminaren gewesen, hatte immer ihr Bestes gegeben. Und doch hatte sie gedacht, Britta sei jedes Mal einen Tick besser gewesen. Dennoch war sie, Linda, für den Job ausgewählt worden. Sie konnte es immer noch nicht fassen. Und Britta auch nicht.
Was für ein eigenartiger Zufall, dachte Linda. Ein wenig mulmig war ihr schon bei dem Gedanken, dass die Spieluhr etwas damit zu tun haben könnte. Und wenn ihr die Uhr den Wunsch erfüllt hatte – wer kannte sie von jetzt an nicht mehr?!
Aber dann schob sie diese Überlegungen beiseite und nahm sich vor, ihren ersten Tag im neuen Job zu genießen, den sie allein auf ihr Können zurückführte.
Linda…
Sie war zu nervös. Sie war heute eine Katastrophe in dieser Position. Keine ihrer Duftkompositionen hatte irgendjemanden begeistern können. Kommentarlos, dafür aber mit beredten Blicken, spülte sie ihre Vorschläge in den Ausguss. Verdammt noch mal, sie hatte den ganzen Tag daran gearbeitet, aber keiner wusste es zu schätzen. Noch schlimmer, sie spürte die Zweifel an ihrer Kompetenz! Das durfte einfach nicht wahr sein! Sie murmelte irgendetwas von Kopfschmerzen und ging früher nach Hause.
Linda, du brauchst mich. Zieh mich auf, wünsch es dir, ich spüre doch, dass du einen Wunsch hast…
Sie zog die Spieluhr auf und wünschte sich, den Verkaufsschlager der Saison zu komponieren und die Ehrung durch die Berufskollegen. Süße Anerkennung. In endloser Drehung schwebte sie im Raum, im ewigen Karussell…
Es sei. Morgen bist du die Beste in deinem Beruf… noch jemand, der dich morgen vergessen haben wird… aber das mach ja nichts, nicht wahr?
Nein, es machte nichts. Sie kannte sowieso nur die Penner in ihrem Wohnhaus. Verwandte hatte sie nicht mehr, also wen sollte sie vermissen?! Es war kein großes Opfer für sie. Aber sie brauchte Anerkennung. Und Geld. Tante Pearl hatte nicht viel Geld hinterlassen. Komisch eigentlich. Sie hatte doch die Spieluhr vor ihr besessen. Sie hätte es sich wünschen können. Vielleicht war sie gar nicht dahinter gekommen, dass die Mechanik blockiert gewesen war. Linda lächelte. Vielleicht war Tantchen etwas schusselig gewesen, wer weiß? Linda hatte sie ja nicht gekannt.
Hihihihihi…
Linda fühlte sich sonderbar. Vielleicht war sie nur etwas überdreht?! Es war viel passiert in den letzten Tagen.
Am nächsten Morgen begann sie schon im Bus auf dem Weg zur Arbeit wie unter einem innerem Zwang einen neuen Duft zu kreieren. Fruchtig, aber nicht zu süß, die holzige Note von Sandelholz, etwas Herbes, das dazu passte. Mehrere Düfte mit unterschiedlicher Verweildauer, aber immer ausgewogen. Nicht zu vordergründig, plastisch wie eine Landschaft, etwas für anspruchsvolle Kunden, etwas Teures. Beinahe hätte sie ihre Station verpasst, so sehr war sie versunken in ihre Ideen vom besten Geruch, den sie für den Parfümmarkt erschaffen würde.
Ihre Kollegen staunten nicht schlecht, als sie Linda mit äußerster Konzentration bei der Arbeit beobachteten. Diesmal konnte sich das Ergebnis auch sehen lassen. Und die Kollegen zollten ihr heute auch Anerkennung, wenn diese auch mit einer großen Portion Neid gemischt war. Sie tuschelten hinter ihrem Rücken, verstummten, wenn sie in den Pausenraum kam, mieden sie, als hätte sie die Beulenpest. Britta verfolgte sie natürlich wieder mit ihren spitzen Bemerkungen und Heather hatte heute frei. Linda fühlte sich ausgeschlossen und die Kollegen schienen sie nicht leiden zu können. Sie hatte nicht erwartet, so sehr unter der Einsamkeit des Erfolges zu leiden. Ein wenig traurig ging sie heim.
Aber heute Abend feierte ihre Kollegin Heather Geburtstag. Darauf hatte sie sich schon lange gefreut. Es würde sich mit den Kollegen bestimmt alles wieder einrenken heute Abend. Sie hatte eine Flasche Wein besorgt und zog sich jetzt um. Ein Blick auf die Uhr: sie hatte noch zwei Stunden Zeit. Eine halbe Stunde zu früh klingelte sie bei Heather, die ihr selbst öffnete. „Ja?“
„Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag!“, strahlte Linda und wollte eintreten, zögerte aber, als sie den verständnislosen Gesichtsausdruck ihrer Freundin sah. „Ich glaube, Sie haben sich in der Tür geirrt. Auf Wiedersehen!“, sagte Heather kühl und drückte die Tür zu. Linda war verwirrt. Dann dämmerte ihr eine Erkenntnis. Voll ohnmächtiger Trauer fuhr sie heim. Der Schock saß tief. Aber sie hatte auch Angst, die Spieluhr zu benutzen…
Was wünschst du dir?
…und noch eine Freundschaft zu verlieren, nur damit ihre Kollegen sie freundlicher behandeln sollten.
Komm schon…
Nein, das war es ihr nicht wert. Heather würde sie nie wieder als Freundin betrachten, das wusste sie plötzlich mit erschreckender Klarheit. In ihr keimte ein Verdacht wegen Tante Pearl und der teuflischen Spieluhr…
Am nächsten Tag war Samstag. Linda fuhr früh hinaus zu Tante Pearls Haus und versuchte, die grauenhaften Bilder beiseite zu schieben, die sich ihr nach der Erzählung von Tante Pearls Nachbarin aufgedrängt hatten und die sich jetzt wieder auf ihre geistige Leinwand projizierten. Sie sah jetzt ein paar auffällige Flecken auf dem Boden, dort wo sie die Spieluhr gefunden hatte…
Sie wollte noch einmal die Fotos und Briefe durchsehen. Nach einer halben Stunde wurde ihre Mühe belohnt: zwei Fotos mit ihrer Tante Pearl und ihr selbst als etwa Zwölfjähriger auf einem Bild mit der Spieluhr in ihrer Hand. Die Aufnahme war höchstens zehn Jahre her und schien bei einer Geburtstagsfeier entstanden zu sein. Sie hätte sich also an Tante Pearl erinnern müssen – aber da war nichts mehr in ihrem Gedächtnis. Absolute Leere. Hatte ihre Tante die Spieluhr auch benutzt? So lange, bis auch Linda sie vergessen hatte?
Noch ein Gedanke stieg in ihr auf: War die Mechanik deshalb blockiert gewesen? Damit niemand mehr die Uhr benutzen sollte? Wo war das Stück Papier geblieben? Hatte sie es nicht in die Tasche gesteckt? Dann müsste das Papier sich auch jetzt in ihrer Hosentasche befinden, denn sie hatte den gesamten Tascheninhalt in die frische Jeans getan. Sie suchte mit gerunzelter Stirn und förderte ein paar Zettel zu tage. Ein Einkaufszettel, eine Telefonnummer und – ja, da war das Papierstück. Sie besah es sich genauer. Es ließ sich entfalten. In zittriger Handschrift standen darauf nur zwei Worte: „Vorsicht! Seelens“. Dort brach das Wort ab.
Abends ging sie zu James hinauf, ihrem Nachbarn, mit dem sie heute fürs Kino verabredet war. Schnaufend kam sie oben an und klingelte an der Tür. Schritte waren zu hören, dann öffnete James die Tür.
„Ja, bitte?“, fragte er und sah ein wenig ratlos aus.
„Hallo, James“, hauchte Linda. „Wir wollten doch heute zusammen ausgehen…“
„Wer sind Sie? Ich kann mich nicht erinnern…“
Linda sah ihn erschrocken an. Diese verfluchte Spieluhr… sie hatte James für den ersten Wunsch geopfert! Aber vielleicht war die Situation noch zu retten.
„Ich bin doch Linda, aus dem sechsten Stock. Wir haben uns schon ein paar mal unterhalten. Auch übers Kino. Wir wollten … heute…“
Sie stockte, als sie seinen Blick sah. „Ich glaube, Sie verwechseln mich. Ich kenne sie nicht.“, sagte er kalt. Dann ließ er die Tür vor ihrer Nase ins Schloss fallen. Deja vu…
Das war nicht der warmherzige James, den sie kennengelernt hatte. Was bildete sich der Typ eigentlich ein, dachte sie in trotzigem Aufbäumen gegen ihre Hilflosigkeit. Wie vor den Kopf geschlagen ging sie in ihre Wohnung zurück. Das war also der Haken bei ihren Wünschen?! Nicht nur, dass Menschen sie vergaßen, die ihr nahe gestanden hatten, sie mochten sie nicht mehr, wenn sie sie von Neuem kennen lernten?! Bei Heather war es das gleiche gewesen, sie hatte es gespürt. Noch ein Gedanke ließ sie erschauern: Zwei Menschen hatten sie vergessen… sie kannte jetzt beide…
Als sie ihre Wohnungstür hinter sich geschlossen hatte, stürzte ihr eine mühsam zurückgehaltene Flut von Tränen über die Wangen. Sie schluchzte und ihr ganzer Körper zuckte dabei. Später, nachdem sie sich beruhigt hatte, war sie sehr nachdenklich geworden. Was hatte sie getan?! Konnte sie denn nur Erfolg oder Liebe haben?! Es war so ungerecht. Sie überlegte, wer ihr jetzt helfen könnte. Wer kannte sich mit sonderbaren Gegenständen aus? Gail aus dem Voodoo-Laden an der Ecke fiel ihr ein. Sie beschloss, es zu versuchen. Sie wusch sich das Gesicht, das immer noch etwas verquollen war, steckte die Spieluhr in die Tasche…
Halt, lass mich hier, ich lass dich nicht gehen…
…und ging Richtung Tür, zögerte, konnte nicht weiter laufen, kehrte um, legte die Spieluhr zurück ins Regal, ging dann ungehindert hinaus und zum Voodoo-Laden. Sie holte tief Luft und drückte die Klinke nach unten. Als Linda den dämmrigen Raum hinter der Tür betrat, bimmelten ein paar altmodische Glöckchen. Das erste, was sie wahrnahm, waren die intensiven Düfte, mit denen die Luft geschwängert war. Lindas geschulte Nase unterschied den schweren Duft von Jasmin von dem zarteren der Rose, dazu mehrere Holznoten, Leder und Tabak. Ihre Augen mussten sich erst an die Dunkelheit gewöhnen, dann aber sah sie Gail hinter dem Ladentisch sitzen. „Was kann ich für dich tun, mein Schatz?“
„Ich…“, brachte Linda mühsam hervor…
„Brauchst du Hilfe, Liebchen? Du siehst so verstört aus“, erklärte die Dicke jetzt.
„Ja – ja, ganz recht.“, stotterte Linda. „Aber ich weiß nicht – ob – Sie mir helfen können…“
„Nur heraus damit, meine Kleine. Was ist los?“
Nun erzählte sie Gail, was sie in den vergangenen Tagen erlebt hatte. „Ich weiß, das klingt alles furchtbar dumm und verworren. Ich hoffe, sie lachen mich jetzt nicht aus.“ Aber Gail lachte nicht.
„Nein, das klingt gar nicht dumm. Es war klug von Ihnen, herzukommen. Ich muss sie sehen – die Spieluhr.“, erklärte Gail ruhig. „Vielleicht erfahren wir so etwas mehr darüber. Hat sie eine Stimme? Ich meine, hören Sie sie in Ihrem Kopf mit Ihnen reden?“
„Direkt reden nicht. Es sind eher Gedanken. Manches weiß ich jetzt einfach, was ich vorher nicht wusste. Zum Beispiel, dass Menschen mich vergessen, wenn ich Wünsche äußere… manchmal weiß ich nicht, ob die Gedanken von mir oder der verfluchten Spieluhr kommen…“
„Sie haben recht“, sagte Gail langsam. „Es ist ein verfluchter Gegenstand… in dem Moment, in dem Sie sie berührt haben, stellten Sie einen Kontakt zu ihr her…“
„Ich muss sie schon als Kind in die Hand genommen haben“, sagte Linda.
Gail dachte kurz nach, dann fragte sie: „Und die Spieluhr hat vorher Ihrer Tante gehört? Ihrer Tante, an die Sie sich nicht erinnern können?“
Linda nickte. Sie hatte denselben Verdacht gehabt. Und sie hatte das Foto gefunden. Gail sah sie forschend an. „Wenn ich mich recht erinnere, dreht sich eine Tänzerin auf der Spieluhr.“, stellte Gail sachlich fest. Dann fragte sie: „Was passiert, wenn die Mechanik abläuft? Welches Gefühl haben Sie dann?“
„Ich – drehe – mich …“, sagte Linda.
„Wollen Sie mir die Spieluhr zeigen?“, fragte Gail.
„Das Ding hat es nicht zugelassen, dass ich sie mitnahm. Aber ich kann Sie hinführen. Kommen Sie mit?“
Gail nickte. „Sicher“, sagte sie.
Halt. Keinen Schritt weiter!
Oben konnte Linda sich dem Regal mit der Spieluhr nicht nähern. „Dort drüben“, zeigte Linda ihrer Besucherin atemlos von den vielen Stufen.
Gail näherte sich der Spieluhr langsam, wie ein Großwildjäger auf der Pirsch nach einem gefährlichen Raubtier, nahm sie jetzt vorsichtig in die Hände, strich darüber. Dann schloss sie die Augen. Einen Moment stand sie ruhig da, dann schwankte sie wie betrunken, riss die Augen auf und starrte auf etwas, das Linda nicht sehen konnte, etwas, das Gail offenbar Entsetzen bereitete. Die Spieluhr entfiel Gails Händen. Sie atmete heftig, wurde grau im Gesicht, verdrehte die Augen, schloss sie wieder und sank zu Boden.
Linda stürzte zu ihr, schüttelte sie an den Armen. „Gail, kommen Sie zu sich!“, rief sie voller Schrecken. Sie mochte die Frau. Langsam bewegte Gail ihren Kopf, öffnete die Augen und der Ausdruck des Grauens kehrte in ihren Blick zurück. „Gefährlich“, flüsterte sie. „Das Ding ist… ein Seelensammler… es tötet mich“, hauchte sie noch, dann brachte sie kein Wort mehr heraus. „Seelensammler? Was tut das Ding?! Gail!“, rief Linda außer sich vor Furcht, aber Gail war wieder in die Bewusstlosigkeit zurück gefallen und begann jetzt zu zucken. Blutiger Schaum trat über ihre Lippen. Aus Nase und Ohren flossen schmale rotbraune Rinnsale. Nein, dachte Linda voller Panik, das durfte nicht geschehen! Nicht so etwas. Ihre Augen tasteten den Boden nach der Spieluhr ab. Zu Lindas Entsetzen drehte sich der Schlüssel langsam und lautlos rückwärts. Wie konnte das sein?! Instinktiv nahm sie die Spieluhr in die Hand, bevor das Werk abgelaufen war, …
Du hast einen Wunsch?
…hörte die Melodie und wünschte sich während des endlosen Tanzes, dass Gail sich schnell erholen sollte.
Es sei… Und nun komm zu mir … Kein Mensch wird dich vermissen… du bist jetzt allein auf der Welt… das ist der Preis, du hast es gewusst… dein Wunsch wird sich erfüllen, keine Sorge… ja, komm her, hier wirst du nicht allein sein… du gehörst jetzt zu uns…