Die letzte Fahrt
In den Straßen von Bremen war es an diesem Mittwoch Abend im Oktober des Jahres 1380 bereits um 16 Uhr dunkel gewesen und jeder, der noch draußen unterwegs war, beeilte sich, in die warme Stube zu kommen. Seit drei Tagen schon umheulten eisige Böen die Häuser, so dass es den Bewohnern angst und bange wurde. Die kalten Finger des Sturms rüttelten an den Fensterläden und rissen die Schindeln von den Dächern. Beinahe schien es so, als ob die ohnehin schon schmalen Reihenhäuser sich jetzt vor Angst noch enger aneinander schmiegen würden. In der winzigen Dachkammer eines vornehmen Bürgerhauses kniete Lisbeth Bauer im Finstern auf dem harten Dielenboden vor ihrer Bettstatt und sprach ihr Nachtgebet:
„Lieber Gott, beschütze uns in diesem Sturm, dass keiner der Nachbarn und Verwandten zu Tode kommt. Und bitte, lieber heiliger Nikolaus, Beschützer der Seeleute, gib mir gut Acht auf meinen Klaas und führe ihn sicher wieder zur Slait zurück. Und bitte mach, dass sein Herz immer noch für mich schlägt, wenn er wieder kommt.“ Von draußen war ein Poltern zu hören, das Lisbeth zusammenzucken und einen besorgten Blick zum Fenster werfen ließ. So beeilte sie sich, anzufügen: „Und all ihr Heiligen, ich flehe euch an, lasst meiner Herrschaft und diesem Hause nichts geschehen. Amen.“ Sie bekreuzigte sich und kroch dann in das Bett, das sie mit der alten Köchin Hilde teilte. Die lag schon seit einer Stunde darin und schnarchte leise. In der Küche war es heute für beide ein anstrengender Tag gewesen. Lisbeth drängte die Köchin zur Seite, um für sich Platz zu finden. Wenigstens war es warm, dachte sie müde, aber es roch nach Zwiebeln.
Wie es wohl wäre, das Bett mit Klaas zu teilen? Klaas mit seinen dunklen Haaren und den meergrauen Augen. Klaas, der nach der weiten See roch, nach Salz, Tang und fernen Ländern. Was er ihr wohl diesmal wieder alles erzählen würde?! Sehnsüchtig seufzte sie, dann kuschelte sie sich an Hilde, trotz der Zwiebeln, und versuchte einzuschlafen. Doch ihre Gedanken hielten sie wach. Sie machte sich Sorgen um Klaas. Eigentlich sollte er schon seit Wochen wieder hier sein. Er war vor mehr als einem halben Jahr losgefahren. Von der Slait. Nun näherte sich das Jahr 1380 seinem Ende, und er hatte versprochen, noch dieses Jahr wieder zu kommen. Und bisher hatte er jedes seiner Versprechen gehalten. Klaas war ein guter Mann. Schon zweimal, seit sie ihn kannte, war er dank ihrer Gebete wieder heimgekehrt, zu seinen Eltern - und zu ihr. Jeden Sonntag hatte sie in der Kirche für ihn gebetet, keine Prozession hatte sie ausgelassen. Und wenn sie es sich leisten konnte, hatte sie vor dem Bild des heiligen Nikolaus eine kleine Kerze für ihn aufgestellt. Mit diesen trostreichen Gedanken schlief sie ein. Von draußen trommelte nun Regen gegen die Fensterläden.
Im Morgengrauen des folgenden Tages kämpfte sich eine voll beladene Kogge die Weser hinauf. In der Nacht hatte der Sturm etwas nachgelassen und der Kapitän hatte befohlen, noch mit dieser Flut in Bremen einzulaufen. Aber dann hatte der Wind wieder aufgefrischt und das Unwetter war zurückgekehrt. Wütend tobte der Sturm und spielte mit dem solide gebauten Schiff wie mit einem zerbrechlichen Floß, trieb es mal dem linken, mal dem rechten Ufer zu. Die Kogge neigte sich ächzend in der kurzen Dünung. Heute war der vierte Tag, an dem wegen dem Unwetter kaum einer hatte schlafen können. Die Männer waren erschöpft und ausgelaugt. Dennoch herrschte an Deck geschäftiges Treiben. Die Mannschaft reffte einen Teil des Segels, damit es nicht in Fetzen gerissen wurde, sie aber trotzdem vorwärts kamen, flussaufwärts, bis zum Hafen.
Der Matrose Klaas Fischer hatte sich festgeleint, damit er auf seiner Ruderwache nicht vom Schiff gespült wurde. Der Fluss führte jetzt gewiss Hochwasser und keiner wusste so genau, wo das Land begann und wo der Fluss endete. Und bei dem Wetter hätte es genauso gut Nacht sein können. Nur dunkles, aufgewühltes Wasser war zu sehen, das im trüben Licht der Schiffslaternen glänzte.
„Mehr backbord halten!“, rief der Steuermann zu Klaas herüber, seine Stimme verwehte fast. Klaas stemmte sich mit aller Kraft gegen das Ruder, um das Schiff auf Kurs zu halten, und warf einen besorgten Blick zum pechschwarzen Himmel. Klaas fror und schwitzte gleichzeitig in seinem dünnen Hemd, das ihm auf der Brust wie eine zweite Haut am Körper klebte und dessen unterer Teil wie ein Segel flatterte. Es konnte ihm vor den Elementen keinen Schutz mehr bieten. Der Sturm peitschte eine Wasserwand vor sich her, die zum Teil vom Himmel, zum Teil aus dem Fluss stammte. Er war durch die überspülenden Wogen sowieso schon nass bis auf die Haut. Noch mehr Wasser konnte seine Kleidung nicht aufnehmen. Klaas konnte kaum atmen und hielt den Kopf nach Lee, um Luft zu schöpfen. Gott sei dank war seine Wache bald vorbei, dann konnte er in die Koje kriechen und ein wenig schlafen. Klaas durfte zwar nicht hoffen, in den nächsten vier Stunden trocken zu werden, aber wenigstens kam er in der Zeit aus dem kalten Wind heraus. Und vielleicht waren sie in vier oder fünf Stunden schon in Bremen angekommen. Bei seinen Eltern. Und bei Lisbeth. Mit aller Willens- und Körperkraft hielt er das Ruder, hielt es so lange, bis seine Arme und Hände taub waren.
„Mehr backbord, hab ich gesagt!“, brüllte der Steuermann jetzt, Panik in der Stimme. „Backbord, verdammt noch mal!“ Klaas konnte sich kaum noch auf den Beinen halten. Dennoch stemmte er alle Kraft, die er noch hatte, gegen die Ruderpinne. Aber es war bereits zu spät. Das nächste, was er spürte, war ein heftiger Schlag in seine Rippen, der ihn nach Luft schnappen ließ. Durch das ganze Schiff ging ein einziger Ruck, es knirschte und die Balken in der Schiffswand schrien, bevor sie krachend barsten. Entsetzt erkannte Klaas, dass das Schiff auf eine Sandbank aufgelaufen war. Das Schiff neigte sich, das Tau, das ihn festhielt, gab ihn plötzlich frei und er stürzte ins Wasser. Wenig später tauchte Klaas prustend wieder aus den Fluten auf. Um ihn herum herrschte ein unglaublicher Tumult: Menschen kreischten und schrien in Todesangst, sie paddelten und strampelten wild. Auch Klaas machte da keine Ausnahme. Die Sandbank war hier zu tief, als dass sie hätten stehen können. Die meisten von ihnen konnten nicht schwimmen und wären schon in ruhigem Wasser verloren gewesen – erst recht in diesem Sturm! Die Wellen warfen die Männer hin und her und trennten Klaas bald von den anderen, deren Köpfe wie Korken neben ihm tanzten, mal durch Wellen verdeckt, mal für Klaas als dunkle Flecken sichtbar. Es war pechfinster, der Wind heulte. Er schluckte und hustete Wasser in dem Bemühen, zu atmen. Die eisige Umarmung der Weser sog ihm die Kraft aus den Gliedern. Da – was war das?! Etwas Großes kam in seine Sicht – ein Fass schwamm da vorne, nur ein paar Meter von ihm entfernt! Mit letzter Kraft paddelte er darauf zu und klammerte sich daran fest. Plötzlich sah er Lisbeth vor sich, durchsichtig wie ein Geist. Sie zeigte in die Richtung links von ihm. Er versuchte, das Fass in die Richtung zu lenken, aber bald hatte Klaas keine Kraft mehr. Hier würde er das nasse Grab der Seeleute finden. Er spürte die Kälte es Wassers nicht mehr, er war bereit zu gehen. Sein Großvater würde ihn erwarten, auch ihn hatte die See verschlungen. Seine letzten Gedanken galten Lisbeth und seinen Eltern, und für sie tat es ihm leid, jetzt sterben zu müssen. Lisbeth, wie gerne hätte ich dich wieder gesehen.
Lisbeth hatte in der Nacht einen bösen Traum gehabt. Sie sah ihren Klaas, wie er im Fluss von den Wellen umher gestoßen wurde und gegen die Wasserberge kämpfte, die um ihn waren, die ihm die Sicht und den Atem nehmen wollten. Verzweifelt strampelte er, um nicht unterzugehen. Wie ein Geist flog sie über das Wasser und wies ihm die Richtung zum Ufer.
Als Klaas wieder zu sich kam, lag er auf dem Bauch im Gras und etwas Schweres presste ihm den Atem aus dem Leib. Er begann zu strampeln, um sich zu befreien, wieder Luft in die Lunge saugen zu können, da hörte er eine Stimme rufen: „Gott sei‘s gedankt und dem heiligen Nikolaus! Er lebt!“ Das Gewicht wurde von ihm genommen und ein Mann brüllte ihn an, Erleichterung in der Stimme: „Junge, was bin ich froh, dass du noch atmest! Du wolltest wohl den ganzen Fluss austrinken?! Ich habe vorhin meine Reusen nachgesehen, da hab ich dich am Ufer gefunden und aus dem Wasser gezogen. Junge, ich dachte schon, ich wäre zu spät gekommen! Also hab ich mich auf dich drauf gesetzt, damit das Wasser aus dir rausläuft! Ich heiße übrigens Hinnerk. Und wer bist du?“ „Ich bin Klaas.“, antwortete der Gerettete. Hinnerk streckte Klaas eine schwielige Hand entgegen und half ihm auf die Beine.
Dann führte er ihn zu seiner Kate, wo er Klaas mit heißem Griesbrei und einem Becher Bier versorgte. Als er sich besser fühlte, bedankte sich Klaas und bat Hinnerk: „Könnt ihr Fischer euch am Fluss noch nach der übrigen Mannschaft umschauen? Vielleicht haben noch ein paar von uns das Unglück lebend überstanden.“
Etwas später am Tag, nachdem Klaas ein paar Stunden geschlafen hatte, kam sein Retter mit schlechter Nachricht wieder: „Leider haben wir außer dir niemanden am Fluss gefunden. Es scheint, du bist der einzige Überlebende.“
Am frühen Nachmittag hatte der Wind alle Wolken vertrieben. Es war, als hätte sich der Sturm mit dem Versenken der Kogge erschöpft. Hinnerk vollendete seine gute Tat, indem er Klaas am Freitag morgen mitnahm nach Bremen, wo er auf dem Markt seine Fische verkaufen wollte.
Lisbeth hatte einen furchtbaren Donnerstag hinter sich. Sie hatte Brot und Kuchen eingekauft und bei der Gelegenheit einiges an Klatsch erfahren, davon eine Tatsache, die sie mit großer Sorge erfüllte.
„In der Weser ist eine Kogge auf Grund gelaufen. Von der Mannschaft fehlt jede Spur, nur ein paar Ballen und Fässer treiben auf dem Fluss umher.“, erzählte die Bäckersfrau munter. „Ich hab das vorhin gerade vom alten Hein gehört, der kennt jemanden, der hat es gesehen!“ Liesbeth musste an Klaas denken – und an ihren Traum. War es sein Schiff gewesen, das da verunglückt war? Lebte ihr Klaas jetzt vielleicht nicht mehr? Den ganzen Tag war sie voller Sorge gewesen und in der Nacht zum Freitag fand sie vor Trauer keinen Schlaf.
Am Freitag morgen schickte die Köchin Lisbeth zum Markt, Zwiebeln und Fisch einkaufen. Die Fischer begannen gerade damit, ihre Verkaufstische aufzustellen. Traurig lief Lisbeth zur Slait, wie magisch angezogen vom Wasser, das dort unschuldig schwappte und gluckerte. „Hast du meinen Klaas verschlungen?“, flüsterte sie, an den Fluss gewandt. Aus Lisbeths Zopf hatten sich ein paar sonnenfarbene Strähnen gelöst, die in der leichten Brise wehten. Tränen liefen über ihre Wangen. Gedankenverloren starrte sie auf die Weser, folgte mit den Augen unbewusst der Bewegung der Wellen und dem Glitzern der Sonne auf dem Wasser. Boote fuhren den Fluss hinauf und hinab, an ihr vorbei. Da wurde sie aus ihren Gedanken gerissen durch den Ruf einer vertrauten Stimme: „Lisbeth?“ Erst klang es fragend, dann lauter, jubelnd, wissend: „Lisbeth!“
Ungläubig drehte sie sich um und sah – ihren Klaas, der ihr aus einem Fischerboot zu winkte. Nur ein paar Meter noch, und das Boot würde anlegen.
Einen Augenblick war Lisbeth wie erstarrt. Konnte das denn sein? War das ein Geist oder war das wirklich Klaas, der dort saß und sie anstrahlte, als wäre sie die Sonne. Mit einem leichten Schlag stieß das Boot an den Anleger. Klaas kletterte heraus und machte ein paar Schritte auf sie zu, da lief sie auch schon zu ihm hin, flog geradezu auf ihn zu, so dass ihm nur noch Zeit blieb, seine Arme auszubreiten und sie aufzufangen. Sie hielten einander in den Armen und die Welt war um sie versunken. Für Klaas gab es nur noch Lisbeth und für Lisbeth nur noch Klaas.
„Ich hatte solche Angst um dich!“, seufzte Lisbeth, die bange Furcht immer noch im Herzen. „Mir träumte in jener Nacht, du würdest ertrinken. Es war so furchtbar…“
„Das war es wirklich. Ich bin ganz knapp davon gekommen“, stimmte Klaas ihr zu. „Der Heilige Nikolaus hat mich beschützt und mir diesen Fischer geschickt, der mich gerettet hat. Und deine Liebe hat mir den Weg gewiesen. Ich habe dich gesehen, du hast mir die Richtung zum Ufer gezeigt. Wenn du nicht gewesen wärst und der gute Hinnerk hier, dann…“
Hastig legte ihm Lisbeth ihre Hand auf den Arm: „Daran will ich gar nicht denken…“, unterbrach sie ihn, stellte sich auf die Zehenspitzen und küsste ihn, mitten auf den Mund.