Ein Haushaltsproblem

„Ach, Frau Doktor Beyer, ich weiß es doch nur zu gut. Das Personal heutzutage macht nur Probleme! Zu meiner Zeit war das anders!“, erklärte Frau Konsul Gerdes würdevoll. Sie war die Witwe vom alten Konsul Gerdes, zählte nunmehr bereits fast 50 Jahre und war eine höchst respektable Person. Ihr Ehemann hatte sie in sehr guten Verhältnissen zurück gelassen. Sie wohnte im Haus gegenüber von Doktor Beyer in Berlin-Grunewald.

„Oh, wenn mein Albert dieses Theater noch erlebt hätte, der Gute, sein Herzleiden hätte ihn glatt noch einmal dahin gerafft!“ Sie seufzte schwer. Elizabeth Beyer nickte ernst. Mit einiger Mühe erhob sich Frau Konsul aus des Doktors weichem Ohrensessel, denn sie war recht wohlbeleibt und die enge Schnürung ihres Korsetts benahm ihr den Atem und versteifte ihre Haltung auf äußerst unnatürliche Weise. Elizabeth stützte ihren Arm, als ihr Gast leicht schwankte. Doktor Beyer hatte seiner Frau streng verboten, ein Korsett zu tragen, da er es gesundheitlich für abträglich hielt.                               „Es war sehr schön bei Ihnen, meine Liebe. Sie haben es sehr gemütlich in Ihrem Salon. Ist das Chaiselon neu? Und die Masken und Waffen an den Wänden!“

„Das ist ein Steckenpferd meines Gatten. Er war vor einigen Jahren in Afrika gewesen und hat dort in einer Mission als Arzt gearbeitet. Die Masken stammen von den Wilden, ich glaube, sie stellen heidnische Götter dar. Aber sie sind sehr dekorativ, finden Sie nicht auch, Frau Konsul?“ Mit diesen Worten geleitete sie ihren Gast aus dem Salon die Freitreppe hinunter zur großen Haustür, die nur den Herrschaften vorbehalten war. Hinten gab es noch einen Dienstboten- und Lieferanteneingang.

Elizabeth Beyer war erst seit drei Monaten die Gemahlin des angesehenen Arztes Doktor Heinrich Beyer, sie war aber bei Ihrer kirchlichen Trauung bereits 21 Jahre alt gewesen – höchste Zeit also, um noch einen Gatten zu finden. Doktor Beyer war ein freundlicher Mann, 32 Jahre alt, kurzsichtig, zur Kahlheit neigend. Immer ließ er irgendwo seinen Kneifer liegen und die Patienten ließen diesen dann mit schöner Regelmäßigkeit vorbei bringen. Doch er war ein guter Arzt, der seinen Beruf ernst nahm. Als vor vier Jahren Louis Pasteur (ausgerechnet ein Franzose!) und Robert Koch (immerhin ein Deutscher)  beide unabhängig voneinander die Bazillen als Krankheitserreger entdeckt hatten und Joseph Lister die Asepsis und Antisepsis einführte, da war der gute Doktor begeistert gewesen und durch Anwendung der genannten Prinzipien starben ihm weniger Patienten an Blutvergiftung als früher. Elizabeth hatte sich fest vorgenommen, ihm eine gute Ehefrau zu sein. Immerhin hatte Doktor Beyer Elizabeths strengen Vater davon überzeugt, dass er in der Lage war, eine Frau zu ernähren und auch einen Stall voll Kinder, wenn es Gott gefiele, sie damit zu segnen. 

Elizabeth stand jetzt dem Personal ihres Gatten vor. Es gab die alte Köchin Berta, das Küchenmädchen Maria, die Wirtschafterin Dorothea, den Kutscher Wilhelm und Dorotheas Mutter Anna, die die Wäsche besorgte und die groben Putzarbeiten verrichtete. Über diese hatte Elizabeth nun die Aufsicht. Außerdem hatte der Doktor noch einen Gehilfen für seine Buchhaltung, den Ludwig, dem er selber seine Anweisungen gab. Ludwig hatte im glorreichen Deutsch-Französischen Krieg vor vier Jahren ein Bein verloren und ging seither an Krücken, obgleich er auch einen hölzernen Stelzfuß sein eigen nannte. Der drückte ihn aber unangenehm, so dass er lieber darauf verzichtete. Er war ein bescheidener, angenehmer junger Mann Mitte Zwanzig und trotz seines Schicksals erstaunlich fröhlich.

Gestern Abend hatten der Doktor und seine Gattin eine Soirée gegeben mit Gesang, Klaviermusik und Erfrischungen für die Gäste. Dorothea war furchtbar schusselig gewesen und hatte vergessen, Wein zu besorgen. Als das Malheur entdeckt worden war, war es zu spät gewesen. Die Geschäfte waren alle geschlossen – es musste um Wein aus dem Keller von Witwe Gerken gebeten werden. Elizabeth hatte morgens sofort Dorothea losgeschickt, um der Witwe als Ersatz neuen Wein zu bringen. Daraufhin war die Witwe zu Besuch gekommen, um sich zu bedanken und die beiden Frauen hatten ein Pläuschchen gehalten.

Jetzt wollte Elizabeth ein ernstes Wort mit Dorothea reden und schickte nach ihr, denn der Weinskandal war nicht das einzige Vorkommnis gewesen.
Dorothea war ein paar Jahre älter als Elizabeth, aber sie trat ihrer Herrin im hellen Empfangszimmer mit gesenktem Kopf entgegen.

„Dorothea, was ist nur mit dir in letzter Zeit? Du warst doch sonst immer so zuverlässig?!“
Mit flehenden Augen schaute Dorothea zu Elizabeth empor, denn sie war deutlich kleiner als ihre Arbeitgeberin. „Bitte, entlassen Sie mir nich, jnädige Frau! Ick hab doch keen andred Zuhause als hier bei Sie in die Jesindekammer!“ Tränen glänzten in ihren Augen und sie fiel vor Elizabeth auf die Knie. Elizabeth nahm Dorothea sanft bei den Schultern und zog sie wieder hinauf. „Knien sollst du nur vor Gott und dem König, Dorothea! Bitte knie nicht vor mir! Ich werde dich wegen deiner Versäumnisse nicht entlassen, aber ich möchte den Grund für deine Unaufmerksamkeit erfahren!“  

„Et is nich zu entschuldijen!“, sagte Dorothea leise und traurig. „Wat soll ick Sie da saren?“

„Sag mir die Wahrheit, ganz gleich, was es ist. Hast du Sorgen?! Vielleicht finden wir zusammen eine Lösung!“

„Und Sie werden mir ooch bestimmt nich entlassen?!“

„Nein, Dorothea, nur wenn du lügst, könnte ich das nicht dulden.“

Verzweifelt sah Dorothea sie an. Dann brach sie heftig in Tränen aus. Elizabeth drückte sie auf einen Stuhl und holte aus dem Salon eine Flasche Brandwein und ein Glas. Sie schenkte großzügig ein und nötigte Dorothea das Glas auf. „Das wird dich beruhigen!“, sagte sie sanft. Dorothea hustete, dann versiegten ihre Tränen und sie begann:

„Ick weeß nich, wo ick anfangen soll!  Meen Unjlück war der Tag, an dem ick Wilhelm, dem Kutscher, das erste Mal übern Wech lief. Er is so ein herrlicher Mann. Ick fiel ihm ooch uff und er machte mir den Hof…“ Sie stockte.
„Aber das blieb wohl nicht so, wie?“, ergänzte Elizabeth düster lächelnd. Sie hatte sich mittlerweile auf den anderen Stuhl gesetzt, der im Empfangszimmer stand, dazwischen ein Tischchen mit gedrechselten Beinen und ein paar Schnittblumen darauf in einer bemalten Vase.

„Nee.“, gab Dorothea zu, und wieder liefen ihr Tränen über die Wangen. Sie wischte sie mit einem Ärmel ihres verschlissenen Kleides ab. „Nee, det blieb nich so. Ick hatte nur nen kleenes Techtelmechtel mit ihn. Ick war ne dumme Jans jewesen, weil ick doch weeß, dass er‘n Schürzenjäger is! Mit die Maria hatte der ooch mal wat zu loofen! Unnu  jeht der mit nem Stubenmädchen…“

„Und jetzt bist du liebeskrank, weil er mit einer anderen geht?! Froh solltest du sein, dass du ihn los bist, den Halodrie!“, versuchte Elizabeth, sie aufzubauen. Die Antwort war ein neuer Tränenstrom. Elizabeth kam plötzlich ein Verdacht, dem sie sofort Ausdruck gab:

„Dorothea!“, mahnte sie streng. „Du hast ihm doch hoffentlich nicht zu viel erlaubt?! Hast du … habt ihr etwa…?“

„Doch.“, kam es leise von Dorothea und sie weinte nun hemmungslos. Elizabeth stand auf, ging zu Dorothea und zog sie an sich. Diese weinte und schluchzte zum Gotterbarmen. Elizabeth wiegte sie hin und her wie ein kleines Kind, das Trost braucht. „Wein dich nur aus, Dorothea. Der Doktor sagt immer, man kann krank davon werden, wenn man immer die Gefühle zurück hält.“

Allmählich verebbte das Schluchzen. Als Dorothea sich beruhigt hatte, erhob sie ihr gerötetes und tränenverschmiertes Gesicht zu Elizabeth und rief erschrocken aus: „Aber jnädige Frau, jetzt hab ick Ihr feines Kleid vaschmieat! Wat wird der Doktor nur saren…“

„Gar nichts wird er sagen, es war ein Notfall! Und ich werde nachher ein anderes Kleid anziehen. Also, Dorothea, sag mir die ganze Wahrheit! Nicht war, du bist in anderen Umständen?!“

„Ja.“, flüsterte Dorothea beschämt. „Oh, jnädige Frau, wie soll dat bloß weiter jehen mit mia?! Wie soll dat nur enden?! Die Jassenjungen werden mit dem Finger auf mir zeijen, meene ejene Mutter wird mir nich mehr ankucken, wo sie doch meenen Vatta wenichstens  jeehelicht hat, wenn der ooch sonst nix taucht und allet versäuft…“

Nachdenklich schaute Elizabeth sie an. Dann sagte sie bestimmt: „Hier lässt sich nur eins tun: ich werde mit euch beiden reden müssen. Und du musst ihm das mit dem Kind gestehen!“

Erschrocken fuhr Dorothea auf, verzichtete dann aber auf eine Erwiderung. Sie senkte den Kopf, knickste und murmelte: „Sehr wohl, jnä Frau.“

Elizabeth nickte ihr aufmunternd zu. „Als erstes bekommst du ein abgelegtes Kleid von mir. Das müsste dir passen, nur den Saum wirst du ändern müssen. Damit siehst du besser aus als in dem Kleid, das du jetzt trägst. Heute Abend bitte ich Wilhelm hierher, dann könnt ihr euch aussprechen. Ich werde dabei sein!“ schnitt sie Dorothea jeden Einwand ab.

Am Abend nun erschien der Kutscher im Beyer‘schen  Empfangs-zimmer. Elizabeth erwartete ihn allein. „Sie wollten mich sprechen, gnädige Frau?!“, begann er, wobei seine dunklen Augen sie forschend musterten. In den Händen knetete er nervös seine Schiebermütze, die wohl gerade eben noch seinen Kopf geziert hatte.

„Ja, Wilhelm! Es hat in diesem Hause gewisse Vorkommnisse gegeben, an denen du nicht ganz unschuldig bist. – Dorothea!“

Langsam und unsicher betrat die Gerufene das Zimmer, schloss die Tür und blieb dagegen gelehnt stehen. Das neue Kleid stand ihr gut.

„Komm her, Dorothea!“, verlangte Elizabeth gebieterisch. „Und jetzt sag Wilhelm, was du zu sagen hast!“

Dorothea tat leise, was von ihr verlangt wurde. Wilhelm trat erschrocken einen Schritt zurück und rief:

„Wer weeß denn, ob det Balch von mir is?! Mit wem war die Metze da denn noch im Heu?!“

„Wilhelm!“, riefen beide Frauen voller Empörung.

„Na, is doch wahr!“, verteidigte sich dieser.  Anklagend zeigte er mit ausgestrecktem Arm auf die weinende Dorothea. „Ick heirate ihr jedenfalls nich, wenns beliebt! Ick bin noch jung und will frei sein. Und schon jar nich will ick det Blag von weeß ick wem jroßziehen!“

„Wilhelm!“, versuchte Elizabeth an sein Verantwortungsgefühl zu appellieren „Vielleicht ist es ja doch dein Kind!“

„Nee, nee, Frau Doktor! So nich, nich mit mia! Sie hätt sich ja vorsehen können. Wenn sie‘s nich haben will, soll sie’s doch wechmachen lassen! Machen doch andere ooch!“

„Nein, Wilhelm, das ist sehr gefährlich! Und es verstößt gegen alle göttlichen und menschlichen Gesetze! Weißt du nicht, wie viele Frauen schon daran gestorben sind?!“

„Frauen, wenn ick det schon höre! Dit waren allet Metzen! Keen anständiget Weib lässt sich uff sowat ein!“ Und an die schluchzende Dorothea gewandt, fügte er hinzu: „Wenn de heiraten willst, nimm doch den Ludwig! Der find dir juut, dit sachta imma. Mal sehn, ob er dir ooch als jefüllte Jans nimmt?!“

„Gut, Wilhelm!“, sagte Elizabeth resigniert. „Ich werde mit meinem Gemahl über dich sprechen. Es ist durchaus möglich, dass er sich nach einem anderen Kutscher umschaut!“

„Mir ooch recht!“, antwortete Wilhelm kühl. „Ick finde jedazeit wat, notfalls als Droschkenfahra!“ Mit diesen Worten stülpte er ärgerlich seine Schiebermütze wieder über den Kopf und verließ das Zimmer.

Die beiden Frauen blieben wie benommen zurück. Elizabeth hatte zwar mit Widerstand von Wilhelms Seite gerechnet, aber doch gedacht, die drohende Entlassung könnte ihn zur Vernunft bringen. Den einfachen Leuten ging es um 1875 nicht besonders gut. Die Stellen waren rar und der Doktor zahlte gut. Neulich hatte sich Elizabeths Gatte bei der Lektüre der Morgenzeitung furchtbar darüber aufgeregt, dass es jetzt eine „Sozialistische Deutsche Arbeiterpartei“ im neugegründeten Deutschen Reich gab. Schließlich hatte das Land einen Preußischen König und Deutschen Kaiser!

Elizabeth erholte sich als erste. Sie sah das Häufchen Elend an, das Dorothea hieß, und meinte praktisch: „Wilhelm ist ein Erzschuft!“

„Det issa!“, bekräftigte Dorothea.

„Aber könnte es sein, dass er mit Ludwig recht hat?! Dass der dich so sehr mag, dass er dich trotz deinem Zustand nehmen mag?! Du wärst dann eine ehrbare Ehefrau und keiner wird erfahren, dass euer erstes Kind nicht von ihm ist.“

„Dit wär schon jut mit den Ludwig.“, unterbrach Dorothea ihre Überlegungen. „Is n feiner Kerl un hat fürs Vaterland seen Been jeopfert. Ick mag ihn ooch und würd ihn nehmen, wenn er mir wollen tät…“

Elizabeth sprach am nächsten Tag mit ihrem Gatten. Der war über Wilhelms Verhalten erwartungsgemäß so empört, dass er nach einem eigenen Versuch, mit dem Kutscher zu reden, diesen kurzerhand rauswarf. Er sprach auch ein ernstes Wort mit der leichtfertigen Dorothea, nachdem sein erster Zorn aber verraucht war, siegte seine gutmütige Art und sein berufliches Verantwortungsgefühl.

Der Doktor hatte die Aufgabe, ganz in Ruhe mit Ludwig zu reden. Der war zwar nicht begeistert davon, dass Dorothea schwanger war, sagte sich aber im Stillen, dass sie ihn sonst nicht genommen hätte. Also erklärte er sich nach einem Tag Bedenkzeit einverstanden.

Zwei Tage später redeten die Brautleute unter Elizabeths Aufsicht mit einander. Ludwig hatte zur Feier des Tages extra sein Holzbein angelegt.

„Ach, weest de, Ludwig, du bist n anständiger Kerl! Ick danke dir, dat du mir haben willst, trotz…“

„Schwamm drüba! Det is unsa Kind und ick will noch mehr Kinder, hörste?!“

Halb lachend, halb weinend nickte Dorothea. Sie war unendlich erleichtert.

„Darf ick denn ooch noch mal in Stellung sein, wenn die Blagen größer sind?!“, fragte Dorothea in banger Erwartung.

Zuerst blitze Zorn aus Ludwigs Augen, dann aber entgegnete er lachend: „Ick wird schon dafür sorjen, datte immer wat Kleenet zu versorjen hast…“  Dann machte er einen Stelzfußschritt auf Dorothea zu und gab ihr einen schallenden Schmatz. Zum ersten Mal seit Wochen war Dorothea glücklich. Und Elizabeth hatte ihre erste Bewährungsprobe als Hausfrau bestanden. Doktor Beyer ging zur Belohnung mit ihr in Bizet’s  Oper „Carmen“.