Nacht

Ein Schatten hinter der Scheibe. Bewegungen der Gardine. Ein Schaukeln des Vorhangs auf der rechten unteren Seite. Plötzlich ein Aufblitzen der Scheibe. Autoscheinwerfer? Oder war das Fenster bewegt worden? Stille.
Draußen stand seit Stunden eine dunkle Gestalt auf der Straße. Im Verwirrspiel von nächtlichen Lichtern und Schatten, verzerrt von den unterschiedlichen Platzierungen der Lampen und Scheinwerfer, sah ich ihn von meinem Versteck hinter dem Vorhang, der Gardine, dem Fensterglas. Ein zerbrechliches Versteck, denn auch wenn es hinter mir dunkel war und draußen heller, so, wie ich hinaus lugen konnte, so war auch von draußen ein Blick nach drinnen möglich, hinein zu mir. Leise hob ich den Vorhang ein wenig, ganz allmählich, dann die Gardine. Der Schemen bewegte sich nicht. War das ein Mensch oder nicht? Vorsichtig öffnete ich das Fenster, lauschte in die Nacht hinaus. Stille.
Ich schloss die Augen und sank auf den Schemel am Fenster. Ich war müde, war es leid, immer wegzurennen, mich zu verstecken. Irgendwo musste es doch einen Ort geben, an dem man mich zu schätzen wusste. Nur wo? Schließlich hatte ich das von dieser Stadt auch gedacht. Irgendwie komisch, mir kam eine Stadt wie die andere vor. So viele Menschen, und ich mittendrin. Wie konnten sie mich immer wieder finden?
Der Typ da draußen machte mich nervös. Dieser Schatten war mir schon den ganzen Tag gefolgt. Er klebte an mir, schien jedoch nur einen Verdacht zu haben, keine Beweise für meine Identität. Aber konnte ich wissen, ob er auf Verstärkung wartete? Warum verfolgten sie mich überhaupt? Schließlich tat ich der Allgemeinheit einen Gefallen. Ich räumte überall auf. Augiasställe. Ich würde jetzt am Hinterausgang der Bruchbude nachschauen. Und wenn es hart auf hart kam, hatte ich ja immer noch mein Blasrohr. Und zwei Pfeile.
Warten. Es tat sich nichts. Gleich würden die anderen kommen. Die verdammte Ratte hatte sich da drin verkrochen. Am Hinterausgang stand Blue. Mit einem Handy. Und mit einer Knarre. - Was war das für ein Geräusch? Er lauschte, erstarrte im Schatten. Dann schickte er eine sms an Blue.
„Alles ok“, kam zurück. Na also. Nichts passiert. Warten.
Ein Blick durch die Scheibe des Hinterausgangs. Da stand noch ein Typ. Das war kein Zufall und kein Beobachten mehr. Die warteten auf mehr von Ihresgleichen. Ich musste raus aus diesem Rattenloch, bevor es zu spät war. Schade, es war ein gutes Versteck hier. Würde schwer sein, ein neues zu finden. Aber darüber konnte ich mir später noch Gedanken machen. Erst mal das Blasrohr auf den Typen richten. Er war unerfahren, stand im Lichtkegel der Laterne. Nicht mal zehn Meter entfernt. Er würde es nicht mehr lernen.
Das Geschoss kam aus dem Dunkeln, lautlos und tödlich. Blue fühlte einen Schlag an den Hals, ein Brennen, dann nichts mehr. Alles versank in völliger Schwärze, er hatte noch nicht einmal mehr Zeit, zu begreifen, was geschehen war. Auf seinem Handy erschien eine SMS.
Ein Handy schlitterte über den Asphalt, blinkte auf. Ich griff danach. Eine Frage. Eine Antwort. Und fort in die Nacht. Das Handy behielt ich. Der vorne stand, musste auch noch einen Pfeil bekommen. Meinen letzten. Also hieß es gut zielen. Ich schlich um den Häuserblock. Frühnebel kroch durch die Straßen. Mein Ortssinn führte mich hinter den Kerl. Er dachte sicher, ich wäre noch drin. Es würde leicht werden. Eine Schmeißfliege weniger.
Er hatte ein ganz mieses Gefühl im Bauch. Sein Nacken kribbelte unangenehm. Und er hatte gelernt, auf solche Gefühle zu hören. Sie hatten ihm schon mehr als einmal den Arsch gerettet. Er würde nach Blue schauen.
Verdammter Mist, wo war der Typ? Mein Blasrohr suchte nach ihm. Er sollte da vorne stehen. War er mal pinkeln gegangen? Egal, ich würde ihn erwarten, wenn er zurückkam. Und das würde er bestimmt.
Blue war tot. Ein kleiner Dorn steckte in seinem Hals, fast durchsichtig, vermutlich vergiftet, wie bei den anderen Opfern. Das Handy fehlte. Er ballte die Fäuste. Er würde ihn kriegen. Bald.
Wo blieb der Kerl nur? Ich musste ihn erwischen, er hatte mich gesehen, konnte mich beschreiben, mich identifizieren. Das durfte nicht geschehen. Wer sollte sonst Ordnung schaffen? Langsam wich die Nacht dem Morgen. Ich hatte nicht mehr viel Zeit zu verschwenden. Sollte ich noch warten?
Etwas schlug gegen meinen Rücken. Ich fiel nach vorne, fiel und fiel und fiel.
Zwei Schüsse peitschten auf und zerrissen die letzten Schleier der Nacht. Etwas stürzte schwer zu Boden. Er kam aus seinem Versteck, ein Lauerjäger auf der Suche nach seiner Beute. Da vorne lag ein Schatten auf dem Pflaster. Vor ihm schallten Rufe durch den Dunst. Andere liefen auf die gleiche Stelle zu wie er.
Seine Beute war erlegt. Siegessicher trat er heran, kniete nieder, drehte den Körper um. Sie starrte ihn an, noch nicht ganz tot. Bewegte die Lippen, tonlos. Er lauschte an ihrem Mund, fiel dann schwer neben sie. Sein Ohr blutete kaum um den winzigen Dorn.