Netz der Korruption
Drewsen saß in seiner Lieblingskneipe. Die Musik war laut und schlecht, aber das Bier war gut.
„Bin um 22.30 Uhr am Treffpunkt“, tippte er in sein Handy und schickte die email ab. An „Ginger“, seinen Informanten für diese Recherche. Der wollte ihm ein paar Unterlagen geben, aber nur persönlich.
Klaus Drewsen war Journalist. Ein guter Mann. Immer steckte er seine Nase ins größte Wespennest, das er finden konnte. Und in diesem hier summte es besonders laut. Also musste er sich beeilen, die Story war schon überreif. Drewsen hatte herausgefunden, welche Firmen den Bürgermeister von D., der Stadt in der er lebte, in welcher Höhe geschmiert hatten, um städtische Veranstaltungsaufträge zu ergattern. Dem Ganzen haftete der üble Geruch des Skandals an, und Drewsen konnte das meilenweit wahrnehmen. Schon der vorherige Bürgermeister war wegen Unredlichkeit im Amt zurückgetreten und der neue Bürgermeister, Hans A., hatte sich öffentlich in wohl gesetzten Worten darüber entrüstet, dass Bestechlichkeit von manchen Politikern als Kavaliersdelikt angesehen würde. Er würde niemals, unter keinen Umständen, unrechtmäßig Geld annehmen. Nein, im Gegenteil, wenn es jemand wagen sollte, ihm solche Gelder anzubieten, dann würde er sofort die Polizei verständigen…
Schöne Worte, dachte Drewsen ernüchtert, während er später am Abend im Auto auf „Ginger“ wartete. Er wusste es besser. Bald würden auch seine Leser es wissen. Aber er brauchte noch ein paar Beweise. Besonders für den Aufbau einer Stadtmafia, die für das Schweigen und die perfekte Überwachung unbequemer Querulanten sorgte.
Aus Vorsicht arbeitete er mit einer Kommissarin im Korruptionsresort zusammen. Für den Fall, dass ihm etwas Menschliches zustoßen sollte, hatte er dafür gesorgt, dass sämtliche Informationen an Frau Kommissarin Rasch weitergeleitet würden. Eine der wenigen redlichen Beamtinnen. Auch sie hatte die Entwicklung einer Stadtmafia beobachtet und sie war mit ihm einer Meinung gewesen: der Bürgermeister muss weg!
Er war zwei- oder dreimal mit ihr ausgegangen. Sie hieß Simone mit Vornamen und schien ihn zu mögen, denn sie war freundlich zu ihm gewesen, so nett wie eine energische und durchsetzungsfähige Frau eben sein konnte. Einmal waren sie zusammen im Bett gewesen. Sie hatten es beide nicht bedauert. Er würde ihre Hilfe gut gebrauchen können, denn er hatte jeden Grund, anzunehmen, dass er gefährlich lebte. In den letzten Wochen hatte er zwei Schatten gehabt: seinen eigenen und einen weiteren, der ihn morgens vom Verlassen seiner Wohnung an bis zur Rückkehr dorthin begleitet hatte. O, es war nicht etwa aufdringlich gewesen, nein. Das war nicht die Handschrift der Stadtmafia. Eher leise und diskret. Wie der Herr Bürgermeister höchstpersönlich. Aber mit der Beharrlichkeit von Zahnschmerzen.
Drewsen hatte seinen Bewacher abgeschüttelt und war wie immer schon etwas früher am Treffpunkt. Neben einer einsamen Brücke über den Fluss südlich von D. gab es einen grasüberwachsenen Weg, den nie jemand mähte. Hier war er schon viermal schaukelnd hinunter gefahren, wenn er mit „Ginger“ verabredet war. Es war nicht ungefährlich, denn der Pfad war schmal und zum Fluss hin abschüssig. Es gab zwar eine gemauerte Uferbefestigung, aber keine Leitplanke und auch keinen Platz zum Wenden. Auf dem Rückweg würde er rückwärts fahren müssen.
Es hatte angefangen, heftig zu regnen, und der Untergrund verwandelte sich in Schlamm. Draußen war es stockdunkel, gegen den etwas helleren Himmel zeichneten sich nur die Schatten der Bäume ab, die sich im Wind bogen. Um sein Auto herum sah er nicht viel. Es gab hier keine Beleuchtung. Er hörte nur die Böen pfeifen und der Regen klopfte auf Dach und Scheiben. Das Auto war eine Insel der Behaglichkeit inmitten des Unwetters, das sich da draußen vorbereitete.
Es war ein unwirtlicher Platz. Aber „Ginger“ hielt den Ort für sicher. Noch nie hatte Drewsen „Ginger“ anders gesehen, als mit einer Motorradmaske vor dem Gesicht. Und die einzige Möglichkeit, ihn zu kontaktieren, war diese obskure Emailadresse. „Ginger“ – ein typisches Internet-Pseudonym. Drewsen wusste nichts von ihm, nicht wie er hieß, nicht, wo er wohnte, nicht, was er beruflich so trieb. Aber er musste wohl in einem Büro arbeiten, in dem einige interessante Schriftstücke über seinen Tisch gingen.
Drewsen schaute auf die Leuchtanzeige seiner Uhr. 22.45 Uhr. Komisch, dachte Drewsen, „Ginger“ war doch sonst immer pünktlich. Eigenartiger Typ. Aber zuverlässig. Drewsen fühlte in seiner Jackentasche nach den Geldscheinen. Ja, da waren sie. 600€ wollte „Ginger“ haben. Er würde auch für 450€ verkaufen. Er schien diese kleine Nebeneinnahmequelle zu brauchen.
Nervös starrte Drewsen in den Regen hinaus, der nun wild und ungewöhnlich laut auf das Autodach trommelte. Jetzt hörte er ein Rufen, weit weg, irgendwie gedämpft. War es wirklich nur der Regen, der diese Geräusche verursachte? Jagten hier Eulen?
Da, wieder dieses dumpfe Trommeln. Direkt hinter ihm. Und dann ein Schrei, der so klang, als könnte man ihn nur in höchster Not ausstoßen! Drewsen sah sich um und bemerkte einen verschwommenen Umriss am rückwärtigen Teil seines Golfs. Das war ein Mensch, der verzweifelt gegen die Heckscheibe schlug! Erschrocken sprang er aus dem Wagen und sah eine Gestalt, die völlig durchnässt und durchweicht über seinem Kofferraum hing. Er kniff die Augen zusammen gegen die windgepeitschte Nässe, die ihm sofort die Sicht nahm.
„Ginger?“, rief Drewsen gegen das heftige Sturmgeheul an. Doch der Ruf verwehte, als hätte er ihn nicht ausgestoßen. Drewsen stemmte sich gegen den Winddruck und bewegte sich auf die Gestalt zu, die jetzt langsam und gespenstisch vom triefenden Heck seines Autos nach rechts in den Schlamm glitt. Den Mantelkragen als Schutz gegen den Regen über den Kopf gezogen, kniete er sich neben den Schatten am Boden. Aus dessen Mitte schoss plötzlich eine Hand hervor, die den Journalisten mit erstaunlicher Kraft am Revers packte und zu sich herunter zog, mit dem Ohr zu seinem Mund. Offenbar lag der Mann auf dem Rücken. „Meine… rechte Tasche…“, flüsterte es heiser in sein Ohr. „Greifen Sie hinein… wenig Zeit…“
Drewsen tat es. Er fühlte etwas Hartes, zog es heraus. „Das hier?“, fragte er. Ein Schlüssel ragte zwischen seinem Daumen und dem gekrümmten Zeigefinger hervor.
„Gingers“ Augenlider flatterten. Er bejahte. „Vorsicht – vor…“, hauchte er noch, dann verstummte er. „Ginger!“, brüllte Drewsen, schüttelte den Mann, aber es war zu spät. Der Journalist drehte den toten Körper um, er war sehr schwer. Er fasste ihm dabei auf den Rücken und fühlte dort etwas Glitschiges, Warmes. „Ginger“ blutete stark – aber mit Sicherheit nicht mehr lange. Sein erster Gedanke war, die Polizei zu rufen. Aber – und der Gedanke versetzte ihn in Unruhe – er, Drewsen, war jetzt voller Blut. „Gingers“ Blut. Er musste die Klamotten loswerden, die er am Leib trug. Hektisch und blind blickte er um sich. Hier in Wind und Sturm schienen nur er und der Tote zu sein. Nur der Mörder war vielleicht noch in der Nähe. Beobachtete ihn. Um den unliebsamen Zeugen gleich mit zu beseitigen. Das sah ganz nach der Signatur der Stadtmafia von D. aus! Hatte er seinen Wachhund doch nicht von seiner Fährte abgelenkt?
Noch etwas anderes fiel ihm siedend heiß ein: Neben dem Toten waren jetzt seine Reifenspuren! Und die Bullen hatten sein Reifenprofil im PC. Die hatten ihn ganz besonders auf dem Kieker, seit er der Stadtmafia auf die Füße getreten war. Wenn er jetzt einfach wegfuhr, konnte er genauso gut seinen Personalausweis hier lassen! Verdammte Scheiße! Hatte der blöde Kerl auch ausgerechnet hier und jetzt sterben müssen? Neben seinem Wagen? Mit ihm als bequemen Tatverdächtigen und Sündenbock? Keiner würde ihm glauben, was wirklich passiert war. Nicht mal er selbst würde sich glauben! Es blieb ihm keine andere Wahl, er musste die Leiche mitnehmen und irgendwo anders loswerden. So steckte er den Schlüssel in die Tasche, lief zu seinem Wagen, breitete eine Plastikplane im Kofferraum aus und schleifte „Ginger“ durch den Schlamm zur Heckklappe. Mühsam wuchtete er den Körper hinein, legte ihn in gekrümmter Haltung zurecht. Für einen Mann fühlte er sich sonderbar weich an. Mit unbehaglichem Verdacht zog Drewsen seinem toten Informanten die Maske vom Gesicht: „Ginger“ war eine Frau! Und ihn wurde schlecht vor Entsetzen, als er sie wieder erkannte: diese Frau war Sekretärin im Büro des Bürgermeisters gewesen. Pauline Kraft. Drewsen war mit ihr essen gewesen. Sie hatten viel gelacht und sich großartig verstanden. Er hatte mit ihr auch über die Stadtmafia gesprochen. Erst hatte sie ihm nicht glauben wollen, aber später war sie sehr nachdenklich geworden. Drewsen hatte keine Ahnung gehabt, dass sie „Ginger“ war. Und jetzt hatte irgendjemand beschlossen, ihrem Leben ein Ende zu machen.
Sein Herz pochte ihm bis zum Hals. Er vergewisserte sich noch einmal, dass er den Schlüssel hatte, den sie ihm gegeben hatte. Er zog ihn heraus, ließ das fahle Mondlicht darauf blitzen, das jetzt durch die jagenden Wolken schimmerte. Dann schloss er fest die Hand darum, ballte diese zur Faust, bis die Knöchel weiß hervortraten und die Kraftanstrengung ihn zittern ließ. Durch zusammen gebissene Zähne schwor er: „Pauline, ich verspreche Ihnen, dass Sie nicht umsonst gestorben sind. Das waren doch die Handlanger des Bürgermeisters! Jetzt ist er dran! Ich blase zum großen Halali auf das Schwein.“ Wütend zog er seinen blutverschmierten Mantel aus, und warf ihn in das Seitenfach im Kofferraum. Unwahrscheinlich, dass da jemand anderer als er selbst reinschaute. Den Schlüssel steckte er in die Tasche seiner Jeans.
Als er gerade im Begriff war, die Heckklappe zu schließen, schlug mit dumpfem Knall etwas neben ihm auf. Nur Zentimeter neben seiner rechten Hand befand sich plötzlich ein Einschussloch. Noch zweimal knallte es, diesmal zu seiner Linken. Eine Kugel streifte seine Stoßstange, die andere bohrte sich aufspritzend in den Schlamm. Drewsen hatte das Gefühl, seine Eingeweide würden sich verflüssigen. Aber nach der ersten Schrecksekunde sprang er in den Golf und startete den Motor, einmal, zweimal, bevor er ansprang.
Drewsen fuhr hektisch rückwärts die Böschung wieder hinauf, Richtung Straße. Sträucher streiften am Lack seines Wagens entlang und Steine polterten gegen seinen Unterboden. Oder waren es weitere Kugeln, die auf ihn abgefeuert wurden? Egal, dachte er. Noch atmete er und war nicht verletzt. Er konzentrierte sich jetzt besser aufs Fahren. Die Sicht war gleich Null, er ahnte mehr als dass er sehen konnte, wohin er steuerte.
Vor Wut und Angst fuhr er zu schnell und rutschte auf dem feuchten Schlamm. Die Räder wollten nicht richtig greifen, drehten ein, zwei Sekunden lang durch, schleuderten Dreck nach oben. Das Auto glitt langsam Richtung Uferbefestigung. Drewsen fluchte laut. Fast wäre er in den Fluss geschlittert. Panik wollte Besitz von ihm ergreifen. Dann aber gewann seine Kaltblütigkeit wieder Oberhand, die Reifen fanden festen Untergrund und er brachte den Wagen wieder auf die richtige Spur. Diese verdammten Dreckskerle, dachte er.
Wieder auf der Autobahn, hielt er kurz auf dem Notstreifen und wischte sich den Schweiß und Regenwasser von Gesicht und Nacken. Die wenigen Minuten draußen in diesem Wetter hatten ausgereicht, um ihn vollständig zu durchnässen. Er tastete nach hinten, wo noch die halbvolle Flasche mit Bourbon-Whiskey lag. Nach einem großen Schluck zur Beruhigung wischte er sich den Mund mit dem Pulloverärmel ab. Kurz schloss er die Augen und lehnte sich zurück, die Flasche noch tröstlich schwer in seiner Rechten. Dann richtete er sich wieder auf und atmete tief durch. Herzschlag und Puls beruhigten sich allmählich. Mit einem letzten sehnsüchtigen Blick auf die Flasche schob er diese wieder hinter sich unter den Sitz.
Dann ordnete er sich wieder in den Verkehr ein. Ewig konnte er schließlich nicht stehenbleiben, ohne Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, und Aufmerksamkeit war das letzte, das er sich mit einer Leiche im Kofferraum wünschte. Nach und nach verbreitete sich Whiskeyaroma im Auto. Schloss die Flasche nicht mehr richtig? Er hatte jetzt keine Zeit, das festzustellen. Bei einer großen Tankstelle fuhr er von der Autobahn hinunter und warf einen wichtigen Brief in den Kasten – beinahe hätte er das vergessen.
Der Regen hatte nachgelassen. Jetzt wollte er eine letzte Ruhestätte für Pauline finden. Gar nicht so einfach, dachte er grimmig. So fuhr er weiter, über kleine Hügel. Irgendwo musste er doch in die verdammten Wälder eintauchen, wo die Beleuchtung so schlecht war, dass die Finsternis jedes Mal mit Händen nach ihm zu greifen und ihm die Augen zuzuhalten schien. Es konnte nicht mehr weit sein. Sonst hielt er viel von gut ausgeleuchteten Straßen, aber heute bevorzugte Drewsen die Dunkelheit.
Beinahe hatte er die Ausfahrt erreicht, die in das Waldgebiet führte, da sah er blinkende blaue Lichter vor sich. Eine Polizeikontrolle! Er wägte die Chancen ab, heraus gewunken zu werden. Auf der Straße war noch ziemlich viel Verkehr für die späte Stunde. Umdrehen konnte er nicht, also musste er eine gelangweilte Miene aufsetzen und weiter fahren. Vielleicht hatte er ja Glück! Mit erneut jagenden Pulsen fuhr er mit mittlerer Geschwindigkeit und den Blick starr geradeaus gerichtet. Der Wagen vor ihm wurde herausgewinkt. Schon wollte er erleichtert aufatmen, da gaben sie auch ihm ein Zeichen, an den Rand zu fahren. Dafür durften die folgenden Autos ungehindert passieren. Verfluchte Scheiße, dachte Drewsen. Jetzt sitzt du wirklich bis zum Hals drin, Kopf voran! Zwei Polizisten mit starken Taschenlampen leuchteten ins Wageninnere. Drewsen bemühte sich um eine gelassene Miene und ließ das Seitenfenster auf der Fahrerseite herabgleiten.
„Führerschein und Fahrzeugpapiere!“, schnarrte der Verkehrspolizist unfreundlich, beugte sich nicht einmal zum Fenster herunter. Drewsen beeilte sich, der Aufforderung nachzukommen, und reichte die gewünschten Papiere heraus. Der erste Polizist ging damit zum Polizeiwagen, dafür kam jetzt der zweite Kollege mit dem Gesicht an das offene Autofenster. Seine Miene verzog sich angeekelt, als er Alkoholdunst roch, der aus dem Autofenster entwich.
„Aussteigen. Hier herein pusten.“
Drewsen gehorchte und blies in das dargebotene Röhrchen, als hinge seine Seligkeit davon ab. Bloß schnell wieder weg hier, dachte er beklommen.
„0,5“, sagte der Polizist enttäuscht. Da kam sein Kollege mit den Papieren in der Hand wieder zurück. Er beeilte sich nicht dabei. Drewsen würde gleich weiterfahren können. Er stieg schon mal ein.
„Hier, bitte.“, sagte der erste Polizist und händigte die Unterlagen wieder aus. Der zweite war derweil zur Rückseite des Golfs geschlurft und starrte auf den Kofferraumdeckel. „Andreas, kommst du mal?“, fragte er seinen Kollegen dann in merkwürdigem Ton. Sie flüsterten kurz mit einander, dann kam der zweite Bulle zurück zum Autofenster:
„Machen Sie mal den Kofferraum auf, ich will Ihr Ersatzrad sehen.“
Am nächsten Morgen öffnete Kommissarin Rasch eine email, die sie während der Nacht erhalten hatte: die Email von Drewsen, an die er das gesammelte Beweismaterial gegen den Bürgermeister angehängt hatte. Das Anschreiben lautete: „Simone, lassen Sie alles stehen und liegen und fahren Sie zu meiner Wohnung. Lassen Sie alles gründlich sicherstellen, dann können Sie den Bürgermeister mit seinen Machenschaften zu Fall bringen. Das wollten Sie doch immer. Dies ist eine automatische mail. Ich werde jetzt wohl tot oder im Knast sein, sichern Sie vorrangig die Beweise, so helfen Sie mir am besten. Ihr Klaus Drewsen“ Ein Smiley mit Kussmund war angehängt.
„Sag mal, Robert, kann man Emails programmieren, so dass sie automatisch abgeschickt werden?“, fragte sie, ohne den Blick von der Email zu lösen.
„Klar, Simone, das ist wie bei Geburtstags-Emails, die kann man schon Wochen vorher programmieren.“
Nun machte Kommissarin Rasch ihrem Namen alle Ehre: sie rief bei diversen Kollegen an und hörte bald, was geschehen war: „Drewsen? Das war doch der Typ, der heute Nacht mit seinem Wagen die Absperrungen von einer Polizeikontrolle durchbrechen wollte. Mit einer Frauenleiche im Kofferraum. Er gefährdete dabei mehrere weitere Menschenleben. Die Kollegen haben auf ihn geschossen. Er ist dann im Laufe der Nacht seinen Verletzungen erlegen. Der Fall wird gerade untersucht, aber wenn du mich fragst, um den war es nicht schade. Ein beschissener Frauenmörder weniger…“
Simone Rasch knallte den Hörer auf und fluchte laut. Sie wusste nur zu gut, wie diese Art von Untersuchungen verlaufen würden. Sie hatte Drewsen geliebt, es hätte mehr daraus werden können als diese eine gemeinsame Nacht. Auch er hatte sich auf seine Weise für Recht und Ordnung eingesetzt, und nun war er dafür elend krepiert!
Eine Stunde nach Öffnen der Email war die Kommissarin mit allen verfügbaren Leuten der Spurensicherung vor Ort. Jedoch erlebte sie eine böse Überraschung: Die Wohnungstür war aufgebrochen, die Wohnung durchwühlt, alle PCs mit Festplatten verschwunden. Sämtliche Schreibtischfächer waren offenbar in größter Eile geleert worden. Sie war zu spät gekommen!
Nach einer Stunde hatten sie alle Spuren gesichert, wenigstens von dem Einbruch. Die Kommissarin wollte gerade gehen, da klingelte es an der Wohnungstür. Sie drückte auf den Sprechknopf der Gegensprechanlage: „Ja, bitte?“
„Die Post. Eine Zustellung für Sie!“
Sie ließ den Summer zum Öffnen ertönen. Zwei Minuten später schnaufte ein dicker Postbote die Treppe hinauf, einen braunen Umschlag in der Hand. Die Kommissarin wies sich aus und nahm den Brief entgegen. Gespannt öffnete sie den Umschlag. Darin war ein Schlüssel eingewickelt, der aussah, als gehörte er zu einem Schließfach, und eine hastig gekritzelte Notiz: „Die Tote war meine Informantin. Sie gab mir dies.“
Kommissarin Rasch presste die Lippen fest zusammen, ballte die Hand um den Schlüssel zur Faust und nickte langsam. Nun war sie bereit, einen Skandal heraufzubeschwören.