Wingard

Ein blasser Mond stand im Zwielicht am Beginn der Nacht. Tintenschwarz zogen Wolken über den Himmel, nur im Westen noch gehüllt in rötlichen Schein, der sich rasch verdüsterte wie die matte Glut eines verlöschenden Feuers. Nun, da die wärmenden Strahlen der Sonne fehlten, strich der Wind mit erstaunlicher Kühle über den schweigenden Friedhof, an dessen verlassener Kapelle sich die „Kinder der Nacht“ heute versammelten. Zu jedem Vollmond trafen sie sich an unheimlichen und einsamen Orten, immer zu fünft, ein Pentagramm in der Nacht.
„Wo bleibt Bibi nur? Sie wollte doch kommen?!“, fragte eine der dunklen Gestalten leise. Die Stimme war die einer Frau.
„Glaub schon, Kira“, sagte ein anderer Schatten mit der Stimme eines Mannes. Eine weitere Präsenz glitt um die Ecke und verschmolz mit den anderen. „Was machen wir heute?“, flüsterte eine neue Stimme durch die Dunkelheit.
„Bibi! Gut, dann sind jetzt alle da!“, erklärte eine gebieterische Frauenstimme, älter als die der anderen. Ihre Gestalt trat auf den freien mondbeschienenen Platz vor der Kapelle. Beschwörend hob sie die Hände. Die anderen folgten ihr beinahe lautlos. Die Vorangegangene kratzte mit einem Stock einen fünfzackigen Stern in die Erde.
„Stellt euch an die Eckpunkte des Pentagramms. Gut so. Reicht euch die Hände. Heute beschwören wir den höllischen Geist der Hexe Wingard, die am heutigen Tage vor 666 Jahren, um 1345, auf unserem Marktplatz verbrannt wurde. Wir stehen in der Nähe ihres ungeweihten Grabes. Heute kann sie erscheinen. Denkt an sie. Stellt sie euch vor, lasst sie vor eurem Geist erscheinen.“
Ein Schatten trat aus dem Fünfeck heraus.
„Agnes, warum ausgerechnet diese Hexe?“, fragte Bibi und schauderte leicht zusammen. Es war nicht klar zu erkennen, ob wegen des kühlen Windes oder ob des Gedankens an die mittelalterliche Hexe. Mit zitternder Stimme fuhr sie fort: „Hat sie nicht alle verflucht, die sie verurteilt und hingerichtet haben, bis ins letzte Familienglied? Bis zum Jüngsten Gericht?“
„Ja, das hat sie“, antwortete Agnes ruhig.
„Es gab so viele Todesfälle in diesen Familien. Einer von meinen Ahnen war auch unter den Verfluchten. Und ein Vorfahre von Lenni.“
„Ach, Bibi, sei nicht albern!“, lachte Lenni amüsiert. „Nur weil mein Urahn ein halbes Jahr später an der Pest gestorben ist, würde ich nicht von den Folgen eines Fluches reden!“
„Aber er war der einzige aus dem Dorf!“, beharrte Bibi und schien den Tränen nah.
„Bibi, er war reisender Kaufmann und hat sich in einer fremden Stadt angesteckt. Und da war er wahrlich nicht der einzige, der starb! Es war Zufall!“, stimmte Kira ein. Sie war Lennies Schwester und hatte ein wenig Ahnenforschung betrieben.
„Bibi, komm wieder in das Pentagramm. Ohne dich geht es nicht!“, sagte Agnes und streckte die Hand nach ihr aus.
„Warum diese Hexe?“, beharrte Bibi stur.
Agnes seufzte. „Weil sie denen, die sie wieder erwecken, Zugang zu den unendlichen Mächten der Finsternis gewährt. Ihr könnt euch an allen rächen, die euch gequält und im Weg gestanden haben. Und ihr könnt mit allen Kräften der Hölle Reichtum und Erfolg erlangen. Vorausgesetzt, ihr seid bereit, mit 66 Jahren abzutreten und dem Höllenfürsten auf ewig zu dienen. Wir wollten es gemeinsam versuchen. Komm, Bibi, Ruhm und Reichtum erwarten dich! Wer will stattdessen schon ein mittelmäßiges Leben, das in Siechtum endet?!“
„Bibi, ich denke, du willst Sängerin werden?!“, warf Sascha in die Runde.
„Ja, das will ich schon!“
Bibis Stimme zitterte immer noch, sie kämpfte mit sich, dann trat sie doch nach vorne und ergriff wieder die Hände von Agnes und Lenni neben ihr. Das Pentagramm war wieder vollständig.
Die Stimme von Agnes ging in ein beschwörendes Murmeln in lateinischer Sprache über. Der Kreis wiederholte rhythmisch die vorgesprochenen Worte. Langsam sprachen sie sich in Trance, wiegten sich hin und her, spürten nicht die Kälte, keine Furcht, wussten nicht mehr, an welchem Ort sie sich befanden. Nur Wingard war noch in ihrem Geist, wie sie in den fließenden Gewändern der damaligen Zeit dahin schwebte. Es war ein düsteres und unheimliches Erlebnis, doch es war auch aufregend, eine Reise zu den dunklen Orten im eigenen Ich und doch in Gemeinschaft mit den anderen, verbunden durch die gemurmelten lateinischen Worte. Keiner konnte sagen, wann das rötliche Leuchten in ihrem Fünfeck begonnen hatte, doch irgendwann war es da. Ein Glimmen erst, ein Funke, bald kräftiger werdend, dauerhafter. Nebelschwaden zogen über die Gräber wie Schwadronen von Geistern. Und plötzlich erklang ein wildes, triumphierendes Lachen aus ihrer Mitte, wo sich jetzt der rote Schimmer verdichtet hatte zu einer konturierten weiblichen Gestalt.
„Bist du es, Wingard?“, fragte Agnes mit bebender Stimme.
„Wer hat mich beschworen?“, fragte der Geist mit heiserem Flüstern. Dumpfer Modergeruch und die Kälte des Grabes gingen von der Mitte des Pentagrammes aus.
Unwillkürlich traten die „Kinder der Nacht“ alle einen Schritt zurück, hielten sich dabei aber weiter an den Händen, so verkrampft, als wollten sie sich an einander festhalten.
„Wir haben dich beschworen, die Kinder der Nacht! Agnes, Bibi, Lennard, Kira und Sascha“, antwortete Agnes, und diesmal klang ihre Stimme fester.
„So wollt ihr alle dem Höllenfürsten dienen? Und dafür Ruhm und Reichtum in der Welt?“
„Ja, das wollen wir!“
„Jeder einzelne muss es sagen. Jeder von euch fünfen muss es bei seinem Blute schwören. Und wenn das einmal geschehen ist, dann gibt es kein Zurück!“
„Das wissen wir.“
„So sprecht euren Eid und siegelt ihn mit Blut. Ein Tropfen genügt…“
Jeder im Kreis kam der Aufforderung nach: „Ich schwöre feierlich, fortan dem Herrn der Finsternis zu dienen. Ich nehme, was er mir gibt und gebe freiwillig, was er mir nimmt!“ Lennis Taschenmesser machte die Runde, um den Tropfen Blut hervorzubringen.
„Menschliche Gestalt kann ich erst annehmen, wenn einer von euch mit seiner Seele meine Stelle in der Hölle einnimmt und mir seinen Körper überlässt.“
Erschrocken blickten sich die fünf jungen Leute an. Damit hatten sie nicht gerechnet! Sie hatten nun schon einige Geisterbeschwörungen hinter sich, aber solchen Erfolg hatte noch keine ihrer Aktionen gehabt. So hatten sie sich das Abenteuer nicht vorgestellt. Und wer sollte sich freiwillig für alle opfern? Was würde geschehen, wenn sich keiner bereitfand? Würde Wingard jemanden wählen? Oder konnten sie sie in die Hölle zurückschicken?!
„Agnes, das hast du nicht gesagt!“, klagte Bibi weinerlich.
Ein böses Kichern kam aus ihrer Mitte. Die brennenden Augen der Gestalt wanderten im Kreis. Dann leuchtete ihr Feuer aus Lennis Augen, aus Bibis, aus Saschas, aus Kiras, aus denen von Agnes. Dann hörten sie alle die Stimme der Wingard in ihrem Innern widerhallen: „Kein Freiwilliger? Dann nehme ich den Körper von Bibi!“
Bibi sackte in sich zusammen, um kurz darauf wieder zum Leben zu erwachen. Sie bebte und zitterte, die anderen meinten erst, vor Entsetzen, doch es war ein höllisches Lachen, das sich da Bahn brach. Voller Schrecken rannten die anderen vier in alle Richtungen davon, doch dem lachen entkamen sie nicht. Es hallte in ihnen allen wieder, brach sich in tausend Echos. Und nun wussten sie, dass sie das Gelächter ewig hören würden, für den Rest ihres Lebens.      
Tintenschwarz zogen Wolken über den Himmel, nur im Osten schon gehüllt in rötlichen Schein, der sich rasch verbreitete wie die erste Glut eines angefachten Feuers.
  Ein blasser Mond stand im Zwielicht am Ende der Nacht.