Die Marketing-Tante

 

Irgendwo in Norddeutschland. Eine der vielen kleinen Firmen die wirklich einmaliges leisten und produzieren. Bekannt in Fachkreisen, für das große Publikum eher verborgen. Ich bin mit dem Chef-Ingenieur verabredet. Der Pförtner kennt mich schon, grüßt kurz und greift zum Hörer. "Herr Moser, ihr Besuch ist da!" Zu mir gewandt "Er kommt gleich!" Den Weg hätte ich auch selbst gefunden, aber Journalisten mistraut man. Von zwei vorangehenden Besuchen kenne ich bereits die Kunststoffe, alle waren Neuentwicklungen, die Fakten für meine Reportage hatte ich zusammen. Jetzt fehlte das Leben, die persönliche Note, das Herz des Entwicklungsingieurs oder einfach der O-Ton. Meine Redaktion wollte wieder große Nummer, alles nur nicht trocken. Schön lebendig und mit viel "Personality!"und den Kopf dahinter zeigen. 
Der Mann steht im Dauer-Stress, strahlt trotzdem erstaunlich viel Ruhe aus. Dr. Dr. Dipl.-Ing. Frank-Rudolf Moser. Nicht ganz so trocken wie sein Name. Und Ostfriese, also etwas wortkarg.
Hellblaues Hemd, Jeans. "Moin, Moin!" das ist alles zur Begrüßung. Im Büro schließt er die Tür hinter uns. "Ich hab was Neues. Dürfen sie aber nicht senden." Er zwinkert mir zu. Eine unscheinbare Garnrolle liegt auf dem Schreibtisch. "Das ist es" und deutet mit dem Finger auf den Faden. Nehmen sie's mal und ziehen kräftig." Ich nehme die Rolle, ziehe an dem Faden der sich scheinbar endlos dehnen lässt bis er sich plötzlich rot färbt. "Wenn sie jetzt weiterziehen, dann reißt er." Und tatsächlich schon habe ich zwei Teile in der Hand. Ohne das ich Frage gibt Frank-Rudolf, wir duzen uns, nur das darf hier keiner wissen, also, gibt Frank-Rudolf gleich die Erklärung dazu. "Ist Nylon mit Dehnungswarner. Meine Frau zerreißt immer ihre Strumpfhosen schon beim Anziehen. Kaffee?" Ich nicke, es klopft an der Tür, schnell verschwindet das Garn unter dem Tisch. Frau Rothbühler-Westenholz betritt die Bühne, also das Büro, aber wenn die Presse im Hause ist ... ihr großer Auftritt. Das Kleid passt hervorragend ... zu ihrem Namen. Ein Topmodel sieht anders aus. Überschwenglich begrüßt sie mich, wirkt dennoch ausgesprochen nervös. Ich habe sie nur ungerne dabei, aber es ist hier Gesetz: kein Interview ohne Marketing-Tante. Ja, wir Journalisten sagen das so despektierlich. Und sie redet, meist dazwischen. Und dann fliegen all' diese schönen Begriffe durch die Luft oder ist es nur heiße Luft? "Ja, die neuen Plakate sind toll. Das Blau..."bestätige ich sie. "Azurblau!" werde ich unterbrochen. Schön, dann eben azurblau. Wir machen allerdings ein Interview für's Radio, da sieht man das nicht. "Aber sie können es doch erwähnen!" Ja, vielleicht. Also weiter im Text. Frank-Rudolf erklärt die Vorteile dieses Polyäthylirgendwas ... "Wondersoft!" wirft die Marketing-Tante ein immer wieder ein. Die redet auch alles schön, würde bestimmt auch nette Werbeslogans für Maschinengewehre oder Atombomben erfinden. Keinen einzigen Satz kann Frank-Rudolf ganz ins Mikro sprechen, immer ist sie dazwischen. Ich halte das Band an und rede so freundlich auf sie ein, als hätte ich Kreide gefressen. Frank-Rudolf steht auf, geht zur Kaffee-Maschine hinter Frau Rothbühler-Westenholz und macht eine kurze Handbewegung. Sieht aus als werfe er eine Schlinge über ihren Kopf. Schon greift sie um Luft ringend an ihren Hals. Ich sehe wie Frank-Rudolf etwas zuzieht, das ich nicht sehe. Er lässt wieder los, dennoch die Marketing-Tante würgt, röchelt, krallt an ihrem nach etwas, das sich nicht lösen will , bringt erst Speichel und dann Erbrochenes hervor, bis sie - nach einer schier unendlichen Zeit zusammensackt. "Löst sich in zwei Stunden auf, der Faden, rückstandslos, auch neu und von mir. Ich nenne es "Wonderwürg" grinst Frank-Rudolf.