"Halt!" schrie der Wehrmachtsoldat. "Die dürfen hier nicht rein! Runter in die Halle! Sofort!" Käthe nahm sich zusammen. Blickte ihm tief in seine blauen Augen und befahl ihm so ruhig es ging "Holen sie ihren Gruppenführer, sofort! Die Bänder in Halle 14 stehen zu oft still! Und jetzt abmarsch holen sie ihren Gruppenführer." Innerlich zitterte vor Angst, nur nichts anmerken lassen. Die ausgezehrten Gestalten hinter ihr, in deren Gesichter sich Hunger, Angst und Verzweifelung tief eingegraben hatten, beobachteten die Szene aus aufgerissenen Augen die in den schmutzigen Gesichtern gerade zu leuchteten.
Das klacken der Stiefel war unverkennbar. Mit vier weiteren Soldaten kam der Gruppenführer den langen Gang zur Kantine herunter. "Heil, Hilter! Die müssen hier weg, schnell!" sagte er ungerührt. Käthe grüßte zackig zurück. "Das sind die Arbeiter aus Halle 14. Ich bin die Vorarbeiterin. Was wir produzieren muß ich ihnen nicht erklären. Die Bänder stehen ständig still, weil mir die Leute umfallen. Vor Hunger umfallen. Wenn ihnen der Sieg des Vaterlandes etwas Wert ist, dann bekommen diese Arbeiter jetzt etwas zu essen." Der große dunkelhaarige in seiner grauen Uniform holte tief Luft. Das war eine Zwickmühle. Er konnte dieses unwerte Gesoxe nicht in die Kantine lassen. Aber die Produktion in Halle 14, das machte ihm ein Problem. Er war nicht einer dieser dummen einfachen Braunhemden, aber eine Entscheidung treffen, alleine und die Verantwortung dafür übernehmen, dass war ihm unheimlich. "Gruppenführer!!" unterbrach Käthe die eingetretene Stille. "Ich verstehe das Problem nur zu gut und glauben sie mir ich tue das hier auch nur ungern. Was wir herstellen ist Kriegsentscheidend. Unsere Bänder laufen auf persönlichen Befehl des Führers auf Hochtouren. Aber wir haben keine arischen Arbeiter dafür, sondern nur die da." Sie deutete auf die Getreiften. Immer diplomatisch bleiben, diese Sätze ihrer Oma hatte Käthe tief verinnerlicht. Den Feind mit seinen eigenen Waffen schlagen. Der Gruppenführer verschränkte seine Arme vor der Brust und raute "Die Verantwortung kann ich nicht übernehmen!" Jetzt setzte Käthe alles auf eine Karte "Ich habe die Verantwortung dafür, dass die Bänder laufen und das geht nur wenn mir die Leute, die sie mir geben nicht vor Hunger umfallen!" Ihre Angst hatte sich in Mut verwandelt, Mut der Verzweifelung. Seit Wochen hatte sie mit ansehen müssen wie ein Mann nach dem anderen, eine Frau nach der anderen ausfielen und aus der Halle geschleift wurden, manche auf nimmerwiedersehen. Jeden Tag sahen die Gesichter der verbliebenen Arbeiter ein wenig ausgemergelter aus. Gelegentlich kamen neue Gesichter, noch etwas frischer. Jetzt meist Fremdarbeiter aus Belgien und Holland. Die Juden hatten sie schon fast alle verbraucht. Alle hatten ihre Würde längst eingebüßt, hatten längst aufgegeben, hangelten sich von Tag zu Tag von Stunde zu Stunde. Und nun standen sie auf der Treppe zum ersten Stock. Hier war geheizt, das hatten die meisten von ihnen lange nicht mehr erlebt. Ihre Augen richteten sich auf Käthe, die große deutsche Frau, die stolz und preußisch korekt war. Die ebenso an die Sache des Führers glaubte wie so viele andere. Warum setzte sich diese Frau nun plötzlich über alle Regeln hinweg.
Der Gruppenführer tuschlete mit einem seiner Leute. Der Mann warf ihm einen Blick zu und verschwand. Da standen sie nun, stumm schweigend bis wieder Stiefel klackten und ein paar Damenschuhe waren zu hören. "Mensch, Käthe wat is denn bei euch los!" wunderte sich Getrud, die Köchin. "Also wenn du die Verantwortung übanimmst, denn könnta rinjehn. Iss grad keener da. Wir machen euch wat, aba nur heute, nich jeden Tach!" Jeden Tag gab es stattdessen nun Verpflegungpakete für Halle 14, damit die Produktion lief, nicht um der Menschlichkeit willen. Die Folgen für Käthe? Keine! Niemand hat sie zum Chef hochzitiert und niemand hat Danke gesagt. (nach einer wahren Geschichte)