Das Klopfen an der Tür erlöste den kleinen Wolfgang von der Standpauke. "Herein!" rief Lehrer Reinsch noch etwas unbeherrscht. "Ah, sie kommen wegen des Verkehrsunterrichts!" strahlte der Mathe-Pauker die stämmige Polizistin an. "Diese kleinen Lümmel haben sowieso kein Interesse an Zahlen." Die Frau in der Uniform der britischen Polizei Berlins blickte ihn fest und bestimmt an, schloß leise die Tür. "Herr Reinsch?" Der Lehrer antwortete mit einem nicken. "Ich komme in einer anderen Sache!" Langsam ging sie auf den vom Krieg ausgemergenteln Lehrer zu bis sie direkt vor ihm stand. "Sie! Sie fassen meine Tochter nicht noch einmal an!" Ihre rechte Hand packte ihn schon am Kragen. "Wer, wer sind sind?" stotterte er eingeschüchtert. "Otten, Käthe Otten! Juttas Mutter!" sagte sie leise und griff noch ein bischen fester zu.
"Aber es war zu recht!" verteigte sich der in seinem Lehrerstolz gekränkte. Diese Jutta, ein so aufsässiges Mädchen hatte er selten in der Klasse gehabt. Machte nie ihre Hausaufgaben, weil sie angeblich kein Papier zu Hause hatten. Für Faulheit gab es keine Ausreden. "Papier ist immer im Haus und wenn es der Rand der Zeitung ist." Das ließ sich die kleine nicht zweimal sagen. Grinsend drückte sie ihm die Papierstreifen gestern in die Hand. Da hatte es ihm gereicht. Eine Ohrfeige war da nur gerecht. Keinen Respekt und das als Tochter einer Polizistin. Als ob diese ständigen Demütigungen - die Kinder sagten auf dem Schulhof immer den Satz "Ist hier jemand der reinsch heißt!" solange und so schnell auf bis es sich anhörte wie "ist hier jemand der rein scheißt!". Diese Gören trieben ihn in den Wahnsinn. Und besonders diese Jutta. Er holte tief Luft um der Mutter die Meinung zu sagen.
Lehrer Reinsch merkte noch wie ihn auch die Linke packte und seine Füße den Kontakt zum Boden verloren. Der Aufprall seines Gesäßes im großen Papierkorb war schmerzhaft. Gespannte Stille füllte den Raum. Ohne eine weitere Bemerkung verschwand Käthe und verhaltenes Gekicher folgte ihr aus der Tür, die sie leise schloß.