Der Typ mir gegenüber springt an der Wutzkyallee verschlafen auf. Seinem Gesicht entnehme ich, dass er und sein Fladenbrot nun wirklich nicht so weit in den Süden Berlins fahren wollten. Er war eingepennt, ich nicht. Nur noch eine Station bis zum Bus-Transfer nach Schönefeld. Die Hauptstadt zeigt sich von ihrer kalten Seite, der Sonnenaufgang von seiner schönsten. "Wegen der erhöhten Sicherheitskontrollen seien sie 4 Stunden vor Abflug..." Glaubt bloß keiner Auskunft im Internet. Ein kurzer Anruf bei El Al und schon reichen auch zweieinhalb Stunden. Natürlich geht erst zwei Stunden vorher los. Dann kommen sie, die israelischen Beamten, die vor dem Einchecken ein paar Fragen stellen. Sie ist nett, wir einigen uns auf Englisch, ist einfacher für sie. Nett, aber bestimmt ein paar Fragen. Weshalb, wieso, warum? Wer nicht fragt bleibt dumm. Wie? Das war's schon? Ab zum Gepäck einchecken. Natürlich Express-Check-in, habe meine Bordkarte schon längst. Der Kluge Mann hat Internet. Warten, Kontrolle, Warten. Das Spiel wiederholt sich. Freundlich, entspannt, bestimmt. Ja, natürlich können wir meinen Laptop auch noch mal einzeln durchleuchten. Bleibt ein Laptop, jedes mal. Schief gehen kann auf diesem Flug sowieso nichts, die Rabbi-Dichte ist enorm, mindestens fünfzehn.
 Endlich Boarding. Alles stürmt und drängelt. Hey, Leute eure Plätze sind nummeriert! Neben mir sitzt Katharina. Die Kameratasche fällt mir gleich auf. Wir haben also Gesprächsstoff. Sie ist mit einer katholischen Pilgergruppe unterwegs, wir haben also noch mehr Gesprächsstoff. Tauschen Telefonnummern und Adressen aus. Hey, egal was ihr denkt, sie ist verheiratet. Und ich nicht, aber... ...aber das ist eine andere Geschichte. 
 Gelandet und schon geht es mit Sightseeing los. Jedenfalls scheint der Archithekt des Tel Aviver Flughafens dem Reisenden das ganze, aber auch das wirklich ganze Gebäude auf dem Weg zum Gepäck zeigen zu wollen. Aber vor meinen Koffer hat, wer auch immer, die Pass-Kontrolle gesetzt. Nett, bestimmt, freundlich, jung. Aber der Flughafen ist ja noch viel größer und die Wege lange noch nicht zu Ende. Und wir schaffen es, mein Koffer und ich. Wir kommen tatsächlich zum gleichen Zeitpunkt, wenn auch auf verschiedenen Wegen, an der Gepäckausgabe an. Katharina auch. Wo die jetzt mit ihrer Gruppe herkommt, weiß ich nicht. Sie winkt kurz zum Abschied.
 Und weiter geht es mit Sightseeing. Natürlich im Flughafen. Wunderbarer Sichtbeton, ganz toll grau. Nach dem dritten Bussteig beschließe ich den Zug zu nehmen. Natürlich erstmal den falschen. Ist mir nicht peinlich, denn wie sich am nächsten Bahnhof herausstellt, machen zwei einheimische genau das Gleiche. Und die, können die Schilder hier lesen. Nee, der Bahnhof steht nicht im Fahrplan und sieht noch ziemlich neu aus. Die Umgebung scheint auch noch nicht gemerkt zuhaben, dass hier jetzt ein Bahnhof ist, jedenfalls weit und breit keine Häuser. Die beiden entschließen sich zur Methode "ich probiere es mal mit einem anderen Zug." Ich entschließe mich am Schalter zu Fragen. Auch wenn ich dazu durch die Sperre muß und mein Ticket ungültig wird. Trotz Einöde, einen Sicherheitsbeamten und eine Frau am Schalter haben sie hier. Sie ist nett, jung, hübsch, erklärt mir den richtigen Weg und lässt mich mit dem alten Ticket weiterfahren. Sehr entspannt die Leute hier.
 Das pralle Leben klascht mir wie ein Eimer kaltes Wasser auf dem Weg aus dem Bahnhof Ha-Hagana entgegen. Pulsierend und erfrischend. Erfrischung wäre gut, aber vor die Cola, hat wer auch immer, die Suche nach dem Busbahnhof gesetzt. Bestimmt wieder ein Archithekt. Dieser liebt Brücken. Deshalb darf ich sie auch von oben und unten betrachten. Ich hefte mich einem Koffer an die Fersen. Der Typ, der ihn zieht sieht europäisch aus, die Schritte sind rasant und die Richtung stimmt. Ausserdem macht er eine prima Schneise in die Menschenmassen hier. Über mir im vierten Stock sehe ich Busse, viele Busse, grüne Busse, Egged-Busse. Die Richtung stimmt wirklich. Wir düsen durchs Einkaufszentrum, nach der vierten Rolltreppe lasse ich ihn ziehen, gönne mir einen Info-Schalter und eine Cola, der Bussteig ist gleich gegenüber. Die 29°C sind auch hier, hatte ich sie schon erwähnt? Der Bus nach Jerusalem wartet schon, was nicht ungewöhnlich ist, denn die fahren alle paar Minuten. Es steht sogar dran wo er hinfährt und ich kann es sogar lesen. War doch gut ein bisschen zu lernen. Auch auf dieser Fahrt kann nichts passieren, die Rabbi-Dichte...
 Rasant geht es über die Autobahn. Der Fahrstil gefällt mir. Da bekommt man für seine 18 Scheckel (ca. 5 Euro) richtig was geboten. In der Reihe vor mir unterhalten sich ein junger Soldat und ein alter Rabbiner. Teilweise auf jiddisch, leider zu leise. Die Landschaft rast an mir vorbei. Beim Ortschild von Jerusalem will eine Träne das Schild wohl auch unbedingt sehen. Egal ich bin da.
 Ich habe mich jetzt schon daran gewöhnt nicht vergeblich nach Hinweisschildern zu suchen. Ich laufe einfach der Masse hinterher. Vom Busbahnhof geht es durch das wohl unvermeidliche Einkaufszentrum. Diesmal brauche ich keinen Koffer vor mir. Jerusalem chillt im Gehen. Selbst die Straßenbahn chillt im Fahren. Aber vor den Fahrspaß haben die Programmierer den Ticket-Automaten gesetzt. Auch eine Art Sightseeing, die gesamte Menüführung. Schön in Englisch, bis zur Frage wie man bezahlen möchte. Fünf Möglichkeiten in schönstem Hebräisch. Der Schriftgrafiker muß ja auch zu seinem Recht kommen. Ich bewundere die Buchstaben. Hilft aber nicht. Orts und Straßennamen kann ich entziffern, aber das hier nicht. Also ganz männlich "try and error." Zweiter Button links. Und Bingo! Der Geldschlitz öffnet sich. Nur Ein-Schekel-Münzen mag er nicht und spuckt sie angewidert aus. Ich räume meinen Platz ohne Ticket, für die kleine Schlange hinter mir. Die kommen auch nicht weiter, gleiches Problem. Ich nehme den nächsten Automaten, drücke souverän alle Tasten, spendiere ein Zehn-Schekel-Stück, das sich inzwischen im Kleingeld fand und erhalte tatsächlich Fahrkarte und Wechselgeld. In meinem Quartier begrüßen mich Aliza, Aviad und Brathähnchen. Alizas und Avaids scheint es hier noch mehr zu geben, jedenfalls stellten sich heute morgen andere Gesichter mit den gleichen Namen vor. Erstkontakt beim Morgenkaffee. Also auf in einen neuen Tag. Mal sehen wer heute bewundert werden will und mit mir Sightseeing macht. 
 Shalom aus Jerusalem