Ich bin ein langsamer Tourist, brauche Zeit, muß manches mehrmals sehen. Heute nochmal Jerusalem. Es ist warm, ziemlich warm. Für mich. Doch für die Einheimischen auch, sie tragen nur eine leichte Jacke. Ich T-Shirt. Der Himmel blau. Will auf den Ölberg, laut Reiseführer nicht so weit. Bester Ausblick, Tipp einer Freundin. Ich latsche an der Stadtmauer entlang. Toller Blick auf den Berg Zion. Nur der Ölberg ist noch weit entfernt. Hab dann keinen Bock mehr, könnte mir eine Taxe nehmen, lasse es aber und folge ein paar Amis immer an der Mauer entlang. Entdecke den Archäologischen Park. Alte Steine; Araber, Juden und viel Polizei. Über dem Gewimmel sehe ich die goldene Kuppel. Nehme die Aussentreppe hoch zu irgendeinem jüdischen Seminar, super Blick auf Mauer und Felsendom. Unter mir üben Polizisten mit ihren Gewehren. Ich gehe wieder runter. Die ausgelatschten Steinstufen sind glatt, meine Schuhe auch. Beides ausgelatscht und glatt. Aber man lässt dann doch lieber noch ein bisschen Wasser von oben die Treppe herablaufen. Ich überstehe es, ätsch! Folge den Massen. Kontrolle, meine Kamera scheint ihm zu gefallen, er guckt so lange drauf. Da ist sie wieder, die Klagemauer. Von oben dröhnt das Freitagsgebet. Finde noch ein paar nette Ansichten. Leute knipsen mag ich nicht. Warum auch? Weil sie anders sind? Auf dem Weg ins jüdische Viertel finden sich noch mehr gute Ansichten der Mauer. Und dann irgendwann auch mein Motiv. Ein betendes Pärchen steht mit dem Rücken zu mir,. die Mauer im Hintergrund. Seine Geste spricht Bände.
Super, aufgeräumt, totrenoviert, das jüdische Viertel. Der Schatten tut gut. Viele Ausgrabungen, sogar erklärt und Wegweiser. Hier ist alles etwas anders. Auf der Suche nach einem Kaffee treffe ich David. Er studiert. Die Tora. Wir quatschen. Lange. Über Gebote, Quasten, Kippot und wie gut das Leben sein könnte, wenn... Kaffee, nach soviel Philosophie brauche ich einen Kaffee. Finde ihn sogar in Kombination mit einer Toilette für danach. Und Aussichten finde ich noch, auf den Ölberg.
Etwas erschrocken blicke ich auf die Anzeige der Straßenbahn, letzter Zug um 14:36. Also lasse ich den Einkaufsbummel sein. Hatte ja auch mit David darüber gesprochen wie blöd dieser ganze Einkaufsrummel ist. Die Bahn ist ungewöhnlich leer. Wer einsteigt hat viele, viele Supermarkt-Tüten dabei. Shabbat, die Familie kommt. Und Essen ist dann reichlich. Das werde ich auch noch merken.
Zu Hause wuselt Aliza in der Küche rum, immernoch. Das hatte sie heute morgen auch schon gemacht. Ich bin gespannt. Die neue Tür ist drin. So nebenbei gab es heute noch schnell eine neue Haustür. Abends wird noch der andere Sohn vom Busbahnhof geholt. Dann könnte es losgehen. Aber erstmal wird gemeckert. Über die neue Tür. Verstehe kein Wort und doch alles. Die Tür wird auf und zu gemacht. Betrachtet, betastet. Ich bekomme den kurzen Hinweis, dass die Farbe nicht gefällt. Was ich denn meinen würde? "If you don't like it, paint it." So langsam geht es in Richtung Essen. Der Tisch wird gerückt und dann nochmal und noch ein bisschen. Teller werden verteilt, dann wieder zurecht gerückt und dann doch ausgetauscht. Irgendwie scheint jeder Handgriff einmal von allen Beteiligten ausgeführt zu werden. Gut das die Runde heute so klein ist. Die beiden Söhne sind da und ein Freund. Kippot werden rausgesucht und doch wieder getauscht. Aber irgendwann ist dann auch gedeckt, das Kiddusch gesprochen, der Kelch herumgereicht und das Brot verteilt. Was dann begann war das entspannteste Festessen, dass je erlebt habe. Das üppigste auch. Erster gang Fisch. Große Greten, sehe ich auch ohne Lesebrille. Die Zähne im Maul auch. Muß an Piranhas denken. Lecker. Ich nehme die scharfe Sauce, die ist prima. Ein Deutscher der scharf isst, löst Verwunderung aus. Ein Essen ohne Regeln, Hauptsache es schmeckt. Gefällt mir. Zweiter Gang Hähnchen. Das wird es sicher morgen wieder geben, denn alle sind schon ziemlich satt. Zum Dessert: Fernsehen. Und Kuchen. Und Tee. Der Fernseher ist Nebensache. Die Tür und der alte VW Käfer, sind die Themen des Abends. Bei Starwars verschwindet Aliza entgültig ins Bett. Alle murmeln "Laila tov." (Gute Nacht) Langsam löst sich die Runde auf. Ich falle satt und zufrieden ins Bett. Ich war hierher gekommen um Leben zu erleben. Für heute ist es genug.