plommplomm plommplomm plommplomm plomm plommplomm plommplomm plommplomm Der gleichmäßige Rythmus der Reifen auf den Betonplatten der Autobahn war einschläfernd. Das Tempo mit "nur" 100 auch. Dunkel wie im Sack, selbst im Fernlicht blieb es schwarz vor mir. Der Regen prasselte. Nur die im Scheinwerferlicht gelb und blau leuchtenden Schilder boten einigermassen Orientierung. "Transit Westberlin-BRD" Dieses hier mit dem Zusatz "letzte Ausfahrt für DDR-Kfz." Wie mußte sich das anfühlen hier nicht in den Westen fahren zu können, sondern gezwungenermassen die Autobahn an dieser Stelle zu verlassen. Na ja, auf die Grenze zu zufahren fühlte sich heute auch nicht besser an. Ich hatte mich eigentlich an die Geschwindigkeit gehalten, schmuggelte auch keine DDR-Bürger ausser Landes, hatte nur am Intershop kurz gehalten und mich mit einer Stange Malboro versorgt. Dieser Typ der mich dort mit meinem Namen ansprach ging mir nicht aus dem Kopf. Ich kannte ihn nicht. Aber er wußte viel über mich. Ich könne es mir überlegen, hatte er gesagt und vieles würde für mich einfacher werden. Er wolle es mir beweisen, auf der Rückfahrt sollte ich mich dann entscheiden.

 

80, 60, 40, 20 runter vom Gas und bloß langsam fahren. "Abblendlicht ausschalten" machte ich auch ganz brav, wie es auf dem Schild stand. Immer dem Hinweis "Transit BRD" nach. Der Typ vom Zoll winkte mich vorbei. Weiter ging es durch das taghell erleuchtete Wirrwar aus Strichen, Linien und Hinweisen. Hier mußte man die Spur einfach verfehlen und sich verfahren, das war Absicht. Dann konnten sie einen wieder festhalten. Spur 6 und 7 waren heute für uns Westberliner offen. Mist, ich mußte doch die falsche erwischt haben. Der Typ in seinem tropfenden graugrünen Regencap vor mir ließ daran keinen Zweifel, deutet mir anzuhalten. Scheiße jetzt gibt es Stress, ich hatte es geahnt. Er ging nach rechts nahm eine dieser rotweißen Absperrpilonen beiseite und winkte mich heran. "Fohrn'se Spur zwonsisch." raunte er durch das einen Spalt geöffnete Fenster. OK, die war ganz aussen, jetzt würden sie wohl das Auto komplett auseinander nehmen. Spur 20 war menschenleer. Nur das Licht in der Kontrollkabine brannte. Weiterfahrt auf Handzeichen. Ich stoppte. Der Grenzer kam aus seiner Kabine, das verhieß nichts gutes, und winkte mich heran, langsam rollte ich vor und kurbelte die Seitenscheibe ganz herunter. "Guten Morgen, Herr Correll!" Ich zuckte zusammen, ich hatte ihm nicht mal meinen Ausweis gegeben. "Den brauche ich nicht, geben sie mir einfach das Visum. Danke und Gute Fahrt!" Mein Gesicht mußte völlig verdutzt und auch ängstlich ausgesehen haben. Was trieben die hier mit mir. "Na, nu' fahrn sie schon, wir tun ihnen ja nichts." Zörgerlich nickte ich und fuhr weiter durch die leeren Sperranlagen zurück auf die Autobahn. Langsam plommplomm plommplomm plommplomm plommplomm ... Nach einer Weile war es ruhig, Asphaltbelag ich war im Westen, endlich draussen. Rechts stauten sich die LKW, links für die PKW heute keine Kontrolle. A2 Richtung Braunschweig Hannover und das Gaspedal ganz durchdrücken....

 

Zwei Wochen hatten wir uns nicht gesehen. Martina, meine Freundin in Duisburg strahlte bis über beide Ohren. "Ich gehe nach Lemgo auf die Bibelschule!" Das Wochenende war hin! Wir stritten die meiste Zeit. Ich war nur genervt. Warum nicht in Berlin, warum nicht was Soziales? Sie wollte sich doch für Menschen engagieren. Die wären theologisch so toll dort und man könne was fürs Leben lernen. Die Regeln dieser sogenannten Bibelschule waren schlimmer wie im Knast, Kontrolle überall. "Da kannste auch gleich in die DDR ziehen! Ach, nee die sind ja nicht fromm genug." Ich weiß bis heute nicht warum ich damals nicht Schluß gemacht habe. Mit Jura-Studium und ständig jobben um die Wochenenden bei ihr zu finanzieren war mein Leben ziemlich ausgefüllt. Auch das ich einen Tag länger blieb brachte uns nicht weiter. Also wieder rauf auf die Autobahn. Inzwischen war in mir die Abenteuerlust gereift. Wenn der Typ wieder am Intershop wartete wollte ich es wagen. Die Grenzkontrolle war so normal wie das plommplomm. Michendorf die letzte Intertank mit Shop vor Berlin. Noch mal für 99 Pfennige den Liter Super verbleit tanken. Mein alter rostiger großer Mazda hatte mächtig Durst. 12l auf der Bahn, 14l in der Stadt. Die Intertank hatte noch Service, der Wagen wurde betankt, nix Selbstbedienung. Und weiter zum Shop. Klar noch 'ne Stange Malboro. "Herr Correll, ich habe sie schon erwartet."

 

Der Kaffee in der Mitropa-Raststätte schmeckte widerlich, aber ich mußte ihn wenigstens nicht bezahlen. Walter, so stellte sich Typ nun vor, kam nicht gleich zur Sache. Wir plauderten über Fotografie, stellten fest dass wir den gleichen tschechischen Vergößerer benutzen - was anderes war auch nicht für mich bezahlbar. Langsam verlagerte sich das Gespräch in Richtung Politik. "Glauben sie eigentlich das die Produktion von Waffen dem Frieden dient? Und das dazu noch in einer entmilitarisierten Zone?" Daher wehte der Wind. Klar wußte ich, dass elektronische Bauteile für Bundeswehrpanzer im Westteil Berlins gefertigt wurden, sehr zum Ärger der DDR. "Nun sehen sie, Herr Correll, wir möchten nur wissen wie viele dieser Teile die Stadt verlassen. Und da sie doch in der Postzentrale der AGE in Westberlin arbeiten..." Der Versand lief tatsächlich über unsere Abteilung, denn die Pakete nahmen den Luftweg, unerreichbar für den Osten. "Wenn sie dann zu ihrer Freundin fahren..." Das wußte er also auch "...treffen wir uns und sie sagen mir einfach die ungefähre Anzahl. Es geht hier um Größenordnungen." Und was springt für mich dabei raus? "Mit welchem Film fotografieren sie am liebsten?" Ein besseres Angebot konnte kaum kommen. Der Kodak Tri-X-Pan war meine Wahl. Schließlich benutzten den alle Reporter und das war mein Traumberuf. "Wissen sie woher die US-Amerikaner den Film haben? Die Herren in Rochster haben das Rezept bei uns gekauft. Die Filmfabrik Wolfen hatte schon früh einen weltmarkttauglichen 27DIN-Film entwickelt.“ Dem Klassenfeind verkauft man aus lauter Güte ein Rezept für hochempfindliche Filme, die dann wohlmöglich in Spionage-Flugzeugen gegen einen Selbst eingesetzt werden. Für Westgeld, entschuldigung, Devisen machten die auch wirklich alles. Ich habe es nicht ausgesprochen und nur interessiert zugehört. "Also Information, gegen Filme." nickte Walter. "Abgemacht!" Mit dem befriedigendem Gedanken nun einen teuren Posten aus meinem kleinen Studenten-Etat streichen zu können lenkte ich meinen Mazda wieder in Richtung plommplomm plommplomm plommplomm plommplomm....

 

Der Funkturm kam in Sicht, jetzt war ich zu Hause, nur noch über den Stadtring nach Neukölln. Meine billige Butze in der Sonnenallee war kalt und es dauerte bis der Ofen das Zimmer wärmte.

 

Drei Monate waren seither vergangen. Mein kleines schwarzes Notizbuch enthielt ein Wirrwarr an Zahlen. Ich hatte mir eine Art Verschlüsselung ausgedacht, wie ich es in Agentenfilmen gesehen hatte. Schließlich war ich jetzt Spion. Auf Trenchcoat und Schlapphut verzichtete ich vorerst. Die Stopps in Michendorf, Ziesar, oder Irxleben waren zur Routine geworden. Wir trafen uns nie auf der gleichen Raststätte. Der Kaffee, die Zahlen, die Filme, immer der gleiche Ablauf. Man sei zufrieden, betonte Walter. Auch verschwiegen sei ich offensichtlich. Deshalb wolle er mich zu einem Ausflug einladen. In zwei Wochen am Schiffshebewerk Niederfinow. "Schreiben Sie in ihren Visumsantrag nur Bezirk Potsdam und als Besuchsgrund Tourist, das reicht. Erzählen sie ihren Verwandten in der Hauptstadt nichts davon." Meinen Fotoaparat solle ich nicht vergessen, Niederfinow sei sehr imposant. Hatte Walter keine Angst, dass ihn vielleicht heimlich knipsen würde. Egal, ich war gespannt auf den Ausflug.

 

Die Frühlingssonne strahlte, der Himmel einfach nur blau. Eigentlich ein Tag für Liebespaare, aber das gaben Walter und ich nun wirklich nicht her. Der Oder-Havel-Kanal lag etwas verträumt da. Irgendwie war die DDR nicht so hektisch wie das aufgedrehte Westberlin. In dieser etwas triesten Idylle erhob sich das Schiffshebewerk. 36m Höhenunterschied mußten die Kähne hier überwinden. Man das war so hoch wie das 12stöckige Haus in dem meine Eltern wohnten. Geduldig suchte Walter mit mir die besten Stellen zum fotografieren. Wahnsinn, jetzt kam auch noch ein großes Binnenschiff. Motive ohne Ende. "Sag' mal könntest du dir vorstellen mehr für uns zu tun?" Ich war noch etwas im Fotorausch und verstand nicht gleich. "Na ja, so was wie eine regelmäßige Mitarbeit." Und woraus soll die bestehen? "Das kann ich dir nicht sagen, aber ich könnte ein Treffen arrangieren."

 

Mampe-Stuben am Ku'damm, das war nun wirklich nicht der Ort am dem sich Spione trafen und schon gar keine Kneipe für einen langhaarigen Studenten. Düster, vom Rauch geschwängerte Luft und nur angesoffne Touris. Hier wartete ich auf meinen Onkel Hermann. Der grauhaarige Mittfünfziger in seinem zerknittern Trenchcoat konnte mich kaum verfehlen. Und hier belauschte uns garantiert niemand. Onkel, nein also Hermann überbrachte nur Nachrichten. Er war sozusagen der lebende Briefkasten. "Du sollst zum Alexanderplatz kommen, zur Weltzeituhr da wirst du abgeholt. Nimm den Übergang Friedrichstrasse. Und kein Wort zu deinen Köpenicker Verwandten. Wenn dich dort jemand sieht bist du mit einer Dozentin von der Humboldt-Universität verabredet, klar?" Es roch kräftig nach Abenteuer.

 

Die Nachmittagssonne wärmte schon. Neun zeigte die Weltzeituhr, jedenfalls für Quito und Los Angles. Da ich ein wenig zu früh da war, das ist so meine Art, amüsierte ich mich am Treiben auf dem Alex. Lustig, man konnte die Touris und die Einheimischen prima unterscheiden. Am Dederon-Beutel. Der gelernte Ostdeutsche, äh Bürger der DDR - ich sollte meinen Sprachgebrauch anpassen - hatte immer eine Tasche dabei, die meisten einen Dederon-Beutel. Nylon-Tasche hätte man bei uns gesagt, aber Nylon war ja vom Klassenfeind. Der ständige Mangel an Waren trieb so seine Blüten. Da man nie wußte wann und wo es etwas zu kaufen geben würde, war die Tasche Pflicht. Vielleicht gab es plötzlich irgendwo Bananen oder Schrauben. Konnte man ja nicht ahnen.

 

Deli! hätte meine Cousine jetzt gesagt. Was abgeleitet von delikat, das Pendant zum westdeutschen "Super" war. Echt Deli, diese Rothaarige. Und das in der Sonne im Gegenlicht. Sie mußte Touri sein, denn sie hatte keinen Beutel. Ich glotzte einfach in ihre Richtung, sie kam direkt auf mich zu. "Habm 'se ma Feua?" Ja, na klar und nicht nur im Feuerzeug. "Wahn 'se schon ma im Perjanmon-Museum?" blinzelte sie mich an. Och, diese süße berlinern. Hej, das war das Code-Wort, sie war meine Verabredung. "Nein noch nicht, aber ich würde es gerne mal sehen." Das war mein Code und nun waren wir sicher, den richtigen getroffen zu haben. "Na, denn komm'se ma mit, Herr Correll. Redn tun wa nich hiea. Ick bin übrijens Sabrina." So machte ich mich mit der roten Schönheit auf den Weg. Über ihrem grünen Sommerkleidchen hing locker ein leichter Mantel. Hätte alles von C&A oder Neckermann aus dem Westen sein können. Nur ihre wirklich schönen schlanken langen Beine steckten in Strumpfhosen die fürchterlich nach Ostproduktion aussahen. Ihre blauen Augen leuchteten bei jedem Blick. Ich war hin und weg von Genossin Sabrina. "Steich ein. Wir müssn erst wat erledijen." Ach, ja ich war ja nicht wegen der blauen Augen gekommen.

 

Mein erstes Mal... mein erstes Mal Trabant fahren war es. Wir rumpelten über die Friedrichstrasse. Dann wurden die Häuser immer heruntergekommener. Der Putz bröckelte überall, das war das ungeschinkte Ostberlin, ähh... die Hauptstadt. Sabrina hielt vor einer Mocca-Bar in der Brunnenstraße. Die Tassen klirrten jedesmal wenn die West-U-Bahn unter dem Haus durchratterte. Die leichten Sommersprossen und ihre Grübchen machten es mir schwer dem Gespräch zu folgen. Zumal sie langweiligerweise meine politischen Einstellungen abklopfte. Jetzt bewährte es sich, dass ich damals Unterschriften gegen den Rausschmiss unseres Deutschlehrers gesammelt hatte. Der sollte gehen, nur weil er Kommunist war. Das machte mich offenbar vertrauenswürdiger. Die ganze Zeit machte sie Notizen und kämpfte mit ihren Haaren, die ihr ständig ins Gesicht fielen. Schließlich steckte sie die Strähne hinters Ohr. "Süße Ohrstecker." "Zeit füa Komplimente is noch nich, mußte dir uffheben." Das Noch machte mir Hoffnung. Sie kramte in Ihrer Handtasche, ich war schneller und bot ihr 'ne Malboro an. Den ersten tiefen Zug genoss sie sichtlich. "Echt, Deli, ey! Nich wie unsere f6. Aba ditt darf ick janich sagn, haste nich jehört." "Hatten sie was gesagt?" "Man jetzte hör ma uff mit dett je-Sie-tze. Ick bin Sabrina. Wie sieht denn ditt nu aus, kannste unjestört Dokumente fotokopieren im Betrieb?" "Ich bin immer der letzte in der Firma, fahr die Post zum Amt, stelle den Wagen wieder ab und hole meine Sachen aus der Postzentrale. Das dauert ein wenig. Sollte also nicht auffallen wenn ich noch was kopiere. Falls der Pförtner fragt, dann war noch ein eiliges Fax reingekommen." "Ditt hört sich jut an. Und bei euch looft allet über'n Tisch? Ditt jebe ditt bei uns nich." Das war's, für heute. Nächste Woche sollte ich wiederkommen.

 

"Haste ma Feua?" grinste es mich von der Seite an. Sabrina hatte sich angeschlichen während ich die Auslagen im Carl-Zeiss-Laden am Alex bewunderte. "Wenn de schön fleißg bist kannste dia hiea wat aussuch'n." "Ich war schon fleißig!" "Komm wir jehn ins Reisebüro." Verreisen? Kuba oder Sowjetunion? "Quatsch nich so'n Unsinn, komm mit!" Das gelbe kurze Kleid mit den großen Schulterpolstern raschelte beim laufen, die knallroten Pumps klackerten melodisch. Ihr leichtes Make up unterstrich diese klassischen Berliner Gesichtszüge mit den hohen Wangenknochen. Wie kam so jemand nur zur HA II? Also Ministerium für Staatssicherheit, Hauptabteilung 2 Aufklärung? Im 'Haus des Reisens' ging unsere Tour direkt zum Fahrstuhl. Die Tür schloß sich klappernd. Hier mit ihr stecken bleiben wäre mir nicht unangenehm gewesen. "Man, ditt sind ja Schaltpläne" platze es beim Bilck in mein Kuvert aus ihr heraus. Ich grinste stolz. Den nüchteren Flur zierten Fotos der Interflug. Diese russischen Klapperkisten... Wir steuerten auf die letzte triestgraugelbe Tür zu. "Guten Tag! Nehmen sie Platz und dann zeigen sie mal her. Na, da scheinen wir uns ja in ihnen nicht getäuscht zu haben. Sehr gute Arbeit, fast schon zu gut, Herr Correll." "Dett wa einfach der richtije Zeitpunkt Leutnant. Bessa hätte ditt nich loofn könn." Ich versprach in zwei Wochen mehr zu liefern. Statt nach Kuba ging es nun zum Ausgang.

 

"Na, noch eine Zigarrette? Haste noch ein bisschen Zeit wollen wir irgendwo spazieren gehen?" Es war schließlich erst Vormittag. "Komm wia fah'n uff'n Fernsehturm." Mußte man da nicht stundenlang anstehen um Kaffee zu trinken? Sabrina stürmte an der Warteschlange vorbei, tuschelte mit der Dame am Eingang und schon hieß es wieder Lift fahren. "Die Besucherplattform befindet sich in einer Höhe von 305m, die Cafeteria ..." monoton ratterte nicht nur die Kabine, sondern auch der Fahrstuhlführer seinen Text runter. Steckenbleiben wäre jetzt doof gewesen. Was für ein Anblick, die Stadt wirkte wie eine Modelleisenbahn. "Siehste den jelben Klinkerbau da hinten?. Ditt ist Prenzlauer Berch da wohn ick." "Dann lass uns mal auf die andere Seite, dann zeige ich dir mein zu Hause." Ich nahm all meinen Mut und dann ihre Hand, die sich sofort sanft aber nur kurz um meine schmiegte. "Hiea nich!" raunte sie. "Siehste da hinten die weißen Hochhäuser, die wie die Orgelpfeifen da stehen? In dem rechts wohnen meine Eltern. Und ein Stück weiter hier her wohne ich." „Im Feindesland, würde ich sagen“ Wir fuhren ganz erschrocken zusammen. „Walter, wat machst du denn hia?“ „Die Aussicht genießen, so wie ihr zwei. Seid vorsichtig Sabrina! Aber von mir erfährt keiner was. Geht in den Monbijou-Park, da habt ihr Ruhe heute.“

 

Der Name klang zwar romatisch, aber es war nicht mehr als eine öde Fläche zwischen S-Bahn, Spree und einer Baustelle. Was uns keineswegs störte. „Warum war Walter da oben?“ „Die haben die Aktivitäten verstärkt, überall da wo Westler sich ungestört mit Bürjern von hier treffen könnten. Aba keene Angst, Walta sacht nischt. Ick keene sein Jeheimis.“ Und welches? „Na, dia kann ick et ja sajen. Walta iss schwul. Deshalb isser och mit dia nach Niedafinow. Haste det nich jemerkt?“ Hatte ich nicht, aber jetzt spürte ich etwas. Wir hielten tatsächlich Händchen. „Ick hab's gleich jewußt, als dia jesehn hab. Dit wird mehr als Arbeet.“ „Wird das nicht Probleme geben?“ „Man wia habm hiea janz andre Sorjen, kiekste keene Nachrichtn? Aba wat machst du eijentlich. Du bist keen hundatfuffzich Prozentja.“ „Abenteuer?“ „Du hast echt ne Meise. Da Haste dia wirklich ne beschissne Zeit ausjesucht. Ick hab manschma Angst.“ Ihre rote Pracht schmiegte sich an meine Schulter. „Dit sind so ville die abhaun. Dit jeht noch mehr lange jut.“ „Ich find die Zeit mit dir ganz schön. Gibt's hier irgendwo ein Café?“ Statt Heißgetränk begann nun eine Ostberlin, äh Hauptstadt – Führung in schnoddrigem Berlinerisch. Vorbei an der gerade wiederaufgebauten Neuen Synagoge, durch eine Straße nach meinem Lieblingsautor benannt, vorbei an allen möglichen Museen, durch den Lustgarten, den Dom links liegenlassend, dafür die Verfasser des Kommunistischen Manifests und Vaterfiguren des Sozialismus auf dem Marx-Engels-Forum würdigend, kehrten wir schließlich im Nußbaum, der ältesten Kneipe Berlins ein. „Man dit jelatsche macht echt durscht!“ zwinkerte ich. „Ej, du berlinerst ja! Bist zu lange mit mir unterwegs, wa?!“ Offensichtlich ja. Die Bedienung erkannte sofort den Westler, wir bekamen Hirschragout und kühles tschechisches Bier, im Gegensatz zum Nebentisch. Bei den Preisen wurde ich zwar meinen Zwangsumtausch von 25 Mark der DDR auch nicht los, aber ich war dem Ziel ein gutes Stück näher. Egal, ich bekam die Kohle sowieso wieder. Ein anderes Ziel mußte noch warten. Sabrina war genauso altmodisch wie ich. Stattdessen sprach sie noch eine Bitte aus, was ihr ein wenig schwer fiel. „Sach ma, kannste mia 'n paa Strumphosen dit nächste mal mitbringn? Unsere Dinga hiea sind nicht so dolle.“ „Wie sprichtst du denn von den Erungenschaften des Sozialismus?“ „Willste die Erungenschaft ma fühln? Krepppapier is weich dajejen. Oder sind die teua bei euch?“ Nein, die waren bezahlbar, aber ich ließ mir das Angebot nicht zweimal machen. „Ej, nich so hoch. Noch looft nischt.“

 

Das kalte grelle Licht tauchte alles in eine unwirkliche Stimmmung am kurzen Ende der Sonnenallee kurz vor Mitternacht. Doch nicht für uns zwei. Wir sahen nichts und spürten nur einander engumschlungen und küssend als könne uns nicht auf der Welt mehr trennen. „Isch möschte jo nisch unhöflich sein, aber falls jemand von ihnen noch nach Westberlin muß. Mior schließen den Übergang in fünf Minuden!“ Die Realität hatte uns wieder. „Montag bin ich wieder da, morgen muß ich nach Duisburg, da ist so eine Vorlesung...“ „Nu' mach' hinne, sonst iss zu und dit jibt wirklich Ärjer!“ Ja, ich liebte Martina noch immer. Fortan gehörten die Wochenenden ihr. Unter der Woche war ich ja meist in Ostberlin. Ich trieb ein doppeltes doppeltes Spiel und war richtig gut darin. Dann, der Sommer neigte sich dem Ende zu, verschwand Martina in ihrem Kloster äh auf dieser Bibelschule. Den Unterschied habe ich nie so ganz verstanden. Besuchszeit alle vier Wochen. Also mehr Zeit für Sabrina. Es wurde ein heißer Herbst. Meine Kopien waren inzwischen uninteressant. In der Tat hatte das MfS jetzt ganz andere Probleme. Die Leichtigkeit mit der wir noch vor Wochen durch Rheinsberg oder Sanssoussi schwebten war dahin.

 

Wie gewohnt kam ich an einem grauen Tag Anfang November in Sabrinas Wohnung an. „Ick muss zum Alex, obsavian! Die machen da 'ne Demo!“ „Ach das ist doch bei euch immer alles staatlich organisiert, lass uns zum Müggelsee fahren.“ „Nischt is orjanisiert, Künstla und Kirschen machen det. Nu strömen die Leute schon seit Stunden uff'n Alex.“ „Freie Wahlen statt falscher Zahlen“ „Rücktritt ist Fortschritt“ Demonstranten mit selbst gemalten Plakaten. Was für ein Anblick. Wie viele waren das? Keine Ahnung, jedenfalls viele. Versteckt Händchen haltend blieben wir am Rand. Es waren nicht mal VoPos zu sehen. Nur in den Nebenstraßen warteten Polizeifahrzeuge. Alles sah fast aus wie bei einer Demo im Westen. Reden von Leuten die heute noch viel versprechen, Wir-sind-das-Volk-Rufe und sonst blieb alles ruhig. „Wolln wa doch Müjjelsee?“ Wäre schöner, oder? „Na, komm lass uns abhaun, hiea looft nischt.“ Wir schlenderten zum Auto. Eine der Hundertschaften donnerte gerade die Stralauer Straße hinunter als Sabrina ihren Trabi aufschloss. Ein greller Schrei, quitschende Reifen, Soldaten sprangen vom LKW und stürzten sich auf Sabrina die wimmernd am Boden lag. Ihr linker Fuß sah merkwürdg abgespreißt aus. Ich drängte mich durch und drückte ihre Hand ganz fest. „Ambulanz, Charitee und Scheiße, ick hab se doch nich jesehn.“ - war alles was aus dem Gewirr um uns herum noch wahrnahm.

 

„Herr Correll? Also ihrer Freundin geht es den Umständen entsprechend gut. Der Zwillingsreifen des Lastwagen hat allerdings den linken Fuß fast ganz zerquetscht. Wir mußten ihn jedoch nicht amputieren. Er wird aber unbeweglich bleiben, fürchte ich. Wenn sie möchten können sie in einer Stunde zu ihr, dann lässt die Narkose nach.“ Ja, danke gerne. Man hätte ich bloß nicht von Müggelsee geredet. Eine weitere Stunde der Selbstvorwürfe folgte, dann war Sabrina benommen wach. „Sieehste, Unkraut vajeht nich!“ nuschelte sie. „Komm' ruh dich aus, ich bin morgen früh wieder hier.“ Von dem Schlag mußte ich erst mal erholen. Ich nahm den Übergang Invalidenstraße und lief bis zur U-Bahn in Moabit. Kaputt fiel ich auf mein Hochbett, weinte und war sauer zugleich. Dingdong, dingdongdingdongdingdong. Wer klingelte denn jetzt hier Sturm. Der Türöffner summte, aber irgendein superordentlicher Nachbar hatte wieder preußisch pünktlich um acht abgeschlossen. Also runter. Langsam, noch etwas benommen öffnete ich die Haustür. Ihre Arme drückten mich ganz fest an sie. Ihre Lippen wollten so viel von meinen, ich befreite mich aus der Umklammerung. „Martina, was machst du denn hier?“ „Ich bin schwanger!“ Mir entglitten alle Gesichtszüge. „Freust du dich nicht? Wir werden eine Familie und ich zieh' jetzt zu dir!“ „Einmal nur, bevor ich gehe“ hatte Martina gebeten. Dabei wollte sie sich doch eigentlich bis zur Hochzeit aufheben. Jetzt trug sie das Ergebnis im Bauch. Nicht das ich mich nicht auf ein Kind freute, besonders eines von Martina. Aber ausgerechnet heute? Na ja, ich konnte sie jetzt auch nicht wegschicken. Erst mal schlafen, morgen sähe die Welt vielleicht anders aus.

 

Das tat sie. Denn in den nächsten Tagen war die Grenze für Westberliner dicht. Die wenigen Telefonleitungen nach Ostberlin waren chronisch überlastet. Keine Nachricht von Sabrina. In meiner Wohnung richtete sich Martina ein und wälzte Kataloge. „Och, guck mal die Wiege mit dem rosa Deckchen müssen wir haben.“ Mir war alles andere als nach Deckchen. Genervt schaltete ich den Fernseher ein. Die Tagesschau lief. „Die machen die Mauer auf. Schatz, die Mauer ist auf!“ „Mmh, ja, sollte lieber die oder die Schwangerschaftshose bestellen?“ Jetzt erwachte der Reporter in mir. „Such dir eine aus, ich gehe jetzt Geschichte knipsen.“ Bewaffnet mit meiner Yashica und den ORWO-Filmen düste ich zum Übergang Sonnenallee. Gegen Morgen war das Chaos so groß, dass ich ungehindert in den Osten kam. Mit der Taxe ging es direkt zur Charitee, wohin auch sonst? „Nein, eine Frau Toussaint haben wir hier nicht!“ Aber sie haben sie operiert. „Nein, da täuschen sie sich. Aber wir sind in diesen Tagen alle etwas durcheinander.“ Weiter ging es nach Prenzlauer Berg. In der sonst überfüllten Kneipe war alles dunkel. Wie gewohnt lief ich in den zweiten Stock und klingelte. „Ja, was wollen sie?“ Na, zu Sabrina, die wohnt doch hier. Erst jetzt bemerkte ich, dass die Wohnung seltsam anders aussah, an der Klingel ein anderer Name stand und es nach frischer Farbe roch. In den nächsten Wochen versuchte ich zwischen all den „Guck mal wie süß“ und „wenn es ein Junge wird nennen wir ihn...“

„Dann nantet ihr ihn Joscha-David.“ brummte die sonore Bassstimme mir gegenüber im Café am Checkpoint Charlie. „Und?! Hast du Sabrina noch mal wieder gesehen, weißt du was aus ihr geworden ist, Papa?“ Ungefähr fünf Jahre später traf ich Walter, vor Gericht. Als Richter des Prozesses konnte ich ihn schlecht nach Sabrina fragen. Immerhin ließ ich ihn mit einer Bewährungsstrafe davon kommen. Die Stasi hatte ihn wegen seiner Homosexualität quasi gezwungen. Ein paar Tage nach der Urteilsverkündung fing mich Onkel Herrmann vor unserer Wohnung ab. „Ich soll dir was von Walter ausrichten.“ Die alten Seilschaften funktionierten noch. „Sie humpelt in Russland.“ „OK, aber jetzt geh' lieber bevor...“ „Bin schon weg.“ Da war sie wenigstens sicher bis alles verjährt wäre. „Sonst hättste mia och noch verknackt, Meista-Spion! Oda sollte ick lieber Doppel-Spion sagn?“ Sabrina und ihr schleichen, dass hatte sich in den 23 Jahren nicht geändert. „Jetzt wird es interessant, Papa!“