Wenn Worte töten

 

"Kill, warf in den Müll,
alles, auch den Krill.
Machte dabei Scherze,
versenkte die Bienenwachskerze,
beendete dann die Qual,
und schrieb mit Wörtern ihrer Wahl"

Immer wieder las Lucy die Verse. Blöde Strafarbeit und noch so ein schwachsinniges Gedicht dazu! Eine Interpretation. Na, toll! Boah, dieser Deutschlehrer. Erst wochenlang Kafka, dann diese völlig unverständlichen Philosophen und jetzt... jetzt mußte er völlig ausgetickt sein. So einen Schrott verstand doch keiner. In der Paralell-Klasse hatten sie wenigstens die Leiden des jungen Werther gelesen. Und nun flimmerte der Bildschirm weiß und leer vor ihr. Aber war es nicht egal. Die Note für dieses Jahr hatte sie sich sowieso versaut mit Bemerkungen wie "Kafka war Hirn verbrannt" oder "Wer zum Leben nichts taugt wird Philosoph oder Lehrer“ Lucy grinste in sich hinein. Die Qual beenden mit Worten ihrer Wahl. Vielleicht wäre das ja eine gute Idee. Plötzlich begannen ihre Finger nur so über Tastatur zu fliegen.

Herr von Westheim sass nach Luft schnappend auf dem Stuhl am Lehrertisch. Die Flüche, die er Lucy nur zu gerne an den Kopf geworfen hätte drehten sich in seinem Kopf. Fanden aber den Weg nach draussen nicht. Zu stark war der Schmerz in seiner Brust. Die Klasse vor seinen Augen schwand. Krachend landete er auf dem Linoleum. Auch der Notarzt konnte ihm nicht mehr helfen.