Erika, Teil 2 - Interview

Erika schaute durch die dicke Glasscheibe auf das Mädchen, das im Verhörraum saß, sie war vielleicht 18 Jahre Alt, dunkle Haare und sie sprach nur russisch.
„Die Umgebung ist nicht gut für eine Befragung,“ sagte Erika. „Das Mädchen ist doch schon eingeschüchtert genug.“
„Die Präsidentensuite ist schon beantragt, Baby. Jetzt rein da und quetsch sie aus,“ brummte Frank und drückte ihr den Ohrknopf in die Hand, damit er ihr während des Interviews Anweisungen geben konnte.
Sie schaute kurz auf zu ihrem Vorgesetzten, aber der hatte seinen Blick nicht von dem Mädchen genommen. Dann ging sie über den Flur, wo bereits die Dolmetscherin wartete und ging ins Nebenzimmer.
Sie setzte sich an den Tisch gegenüber von dem Mädchen. Hinter ihr der große halbdurchlässige Spiegel. Erika spürte Franks Blicke in ihrem Nacken und ein Schauer lief ihr den Rücken hinunter. Sie versuchte zu lächeln, ein freundliches Gesicht zu sein, nach allem, was das Mädchen durchgemacht hatte.
Und es gab nichts, was sie sagen konnte. Erika hoffte nur, dass die Mitarbeiterin von SOLWODI (SOLidarity With WOmen in DIstress - Solidarität mit Frauen in Not) schnell kommen würde, denn sie mussten ein Zimmer für die Mädchen finden. Sie mussten so schnell wie möglich raus aus der Zelle im Keller des Reviers, aber es gab keine Mittel im Etat. Erika hatte schon eine Sammeldose unter den Polizisten rumgehen lassen, um Geld für ein Hotelzimmer zusammen zu kriegen. Frank hatte gelacht, aber er hatte sie auch nicht aufgehalten.
„Hi.“ Erika schaute das Mädchen an. „Mein Name ist Erika Schatzmeister, ich würde Dir gerne ein paar Fragen stellen.“
Sie wartete bis die Übersetzerin ihre Worte in Russisch wiederholt hatte.
„Du brauchst keine Angst mehr zu haben.“ Und Erika schämte sich für diese Worte, denn sie waren nicht wahr. Sie wusste das viele der aufgegriffenen Zwangsprostituierten einfach verschwanden, andere wurden in die Heimatländer abgeschoben, manche gingen freiwillig. Einige wurden geduldet, aber hatten zu viel Angst, um auszusagen.
„Fang endlich an, sie auszuquetschen“, hörte sie Franks Stimme in ihrem Ohr.
„Ich würde Dir gerne helfen, aber das kann ich nur, wenn Du mir etwas erzählst“, fuhr Erika fort.
Das Interview zog sich über mehr als eine Stunde hin. Irgendwann kam die SOLWODI-Frau dazu. Sie stellte sich als Kerstin Ehmann vor, klärte die junge Zeugin über die Rechtslage in Deutschland auf und kitzelte tatsächlich noch ein paar Informationsbrocken aus dem Mädchen, Tatjana - den Nachnamen wollte sie nicht nennen – heraus: dass sie einige Wochen unterwegs gewesen waren, immer in anderen Räumen ohne Fenster. Lieferwagen und Lastwagen. Ein oder zwei mal mit anderen Mädchen zusammen. Sie hätte die Sprachen der anderen nicht gekannt, aber es könnten auch deutsche dabei gewesen sein. Und ein paar ungenaue Beschreibungen von Männern, die sie schlugen, die Pässe abgenommen hatten und sie anschrien. Ob noch mehr passiert war - davon sagte Tatjana nichts.
Auch nicht, wie sie an die Bande geraten war, ob man ihr Versprechungen von einem besseren Leben gemacht hatte, oder von schnell verdientem Geld, sie schwieg dazu.
Irgendwann brachte Kerstin das Mädchen aus dem Verhörzimmer und Erika blieb sitzen und starrte gegen die Wand und die schallschluckenden fliesen mit den vielen kleinen Löchern. Ihre Hände zitterten. Das war die erste Befragung es würden noch sechs weitere folgen und dann musste sie ins Krankenhaus, um nach der jungen Frau zu sehen, die mit einem Schädeltrauma eingeliefert worden war.
„Scheiße. Scheiße. Scheiße. Scheiße.“
Sie schlug mit der Faust auf den Tisch, mit aller Kraft.
„Erika“, hörte sie Franks stimme in ihrem Ohr, er war erstaunlich still gewesen, während des Interviews. „Komm in mein Büro, wenn Du soweit bist.“
Erika schaffte es vom Verhörzimmer, über den Flur, bis zur Damentoilette. Sie schloss sich ein und starrte in das Gesicht, das ihr aus dem Spiegel über dem Waschbecken entgegenschaute. Nur im Speigel sah sie die Tränen, die ihr über Wangen liefen. Sie wusch das Blut von ihrer Hand, die Seife brannte in dem Schnitt, den sie sich beim Schlagen auf die Tischkante zugezogen hatte. Dann trocknete sie ihre Wangen und holte tief Luft.
„Wütend?“, fragte Frank, als sie die Tür hinter sich ins Schloss zog.
Erika presste die Kiefer aufeinander.
„Denkst Du immer noch, dass das ein Job für Dich ist?“
„Ja!“, antwortete Erika bestimmt und schaute Frank direkt in die Augen. Er hielt dem Blick stand, bis sie diejenige war, die wegschauen musste. Dann nickte Frank, knallte einen Briefumschlag auf den Schreibtisch und schob ihn dann zu Erika rüber. Sie erkannte ihn wieder, es war das gleiche gelbe Papier, das Frank bei der Razzia in der Tasche hatte verschwinden lassen. Sie fegte den Umschlag mit einer Handbewegung vom Tisch, ein paar Kugelschreiber und Bleistifte riss sie dabei mit. Auf einmal war die ganze Wut wieder da und hatte ein Ventil.
„Was fällt Ihnen … Was fällt Dir ein?“, schrie sie. „Ich will damit nichts zu tun haben. Ich bin nicht so.“
„So was?“, wollte Frank wissen. Er war aufgestanden und sie musste wieder nach oben schauen, wen sie nicht seine Brust anstarren wollte. Sie spürte, wie sich die Fingernägel in ihre Hand bohrten, als sie sie zu Fäusten ballte.
„Du hebst jetzt den Umschlag auf und öffnest ihn“, befahl Frank in ruhigem Ton. Erika hätte besser damit umgehen können, wenn er explodiert wäre. „Du musst noch viel lernen“, sagte er langsam „Aufheben.“
Erika hätte beinahe mit dem Fuß aufgestampft, aber sie bückte sich trotzdem und hob das Couvert vom Boden auf. Zwei Fotos steckten darin. Ein Mädchen hinter einem Geburtstagskuchen und dasselbe Mädchen mit Tennisschläger und weißem Dress.
„Die Tochter von Richter Berghoff“, erklärte Frank.
„Ich verstehe nicht …“ sagte Erika und musterte erst die Fotos, dann Frank, der sich wieder gesetzt hatte.
„Ich will nicht, dass Du rum rennst und Gerüchte in die Welt setzt.“
In Erikas Kopf drehte sich plötzlich alles, sie griff nach der Lehne des Stuhls.
„Sie ist abgehauen. Ihr Handy haben wir vor drei Wochen bei einer anderen Razzia gefunden.“
„In einem Bordell?“
„Natürlich in einem Bordell. Warum glaubst Du, klappert der Richter diese Läden ab.“
„Und?“
„Nichts und. Nur ein Handy. Der Laden brummt wieder wie zuvor. Wir hatten keine Handhabe gegen die Betreiber. Ein Kunde könnte das Handy mitgebracht haben.“
Erika antwortete nicht. Sie ging um den Stuhl herum und ließ sich auf das abgewetzte Polster fallen.
„Ich hab Berghoff gesagt, er soll sich aus unserer Arbeit raushalten. Macht sich nicht gut, wenn ein Richter bei einer Razzia festgenommen wird. Sandra ist wahrscheinlich nicht mehr in Deutschland.“
„Das deutsche Mädchen, von dem Tatjana erzählt hat?“, überlegte Erika.
Frank zuckte mit den Schultern. „Wer weiß! Die verzogenen Gören laufen doch alle irgendwann weg.“
„Wir müssen sie finden.“
„Als ob wir hier im Lande nicht genug Probleme hätten.“
„Das ist nicht Dein Ernst!“ rief Erika schockiert.
Frank stand auf und beugte sich über den Tisch. Erika sank in ihrem Stuhl zusammen, je näher er kam.
„Du“, und er unterstrich die Anrede, indem er seinen Finger in Erikas Schulter bohrte. „Du bist genauso eine selbstgerechte verzogene Göre, wie die Huretochter des Richters.“
Erika machte den Mund auf um etwas zu entgegnen, aber schon drückte sich der Zeigefinger wieder schmerzhaft zwischen Schlüsselbein und erster Rippe.
„Schnauze! Die deutsche Schickse ist dir wichtiger, als das Mädel, mit dem Du gerade eben selbst gesprochen hast.“
Erika nahm die Lippe zwischen die Zähne. „Was können wir tun?“, fragte sie leise.
Frank ließ sich zurück in seinen Sessel fallen, dass dieser in den Scharnieren knackte. „Nichts! Gar nichts!“
„Mit all den Hinweisen, die wir von den Mädchen haben?“
„Die sagen alles, um nicht abgeschoben zu werden. Wir kennen die Strukturen dieses Rings nicht. Wissen nicht, welche Transportwege genutzt werden und nicht, wer dahinter steckt.“
„Und wenn wir das rausfinden?“
„Träum weiter.“
„Ich gehe als 17 durch, wenn ich will. Vielleich als 15, wenn ich mir Mühe gebe.“
„Du bist irre.“ Aber Erika sah, wie er die Stirn in falten zog, seine Augen wurden hart. „Wo das Handy gefunden wurde …“ überlegte Frank laut.
Erika nickte.
„Du bist lebensmüde.“ Er sah sie an und Erika schaute zurück.

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