Erika, Teil 3 - Verdeckt

Erika saß in der Nähe des Bahnhofs und beobachtete die Passanten, die vorbeizogen. Vor ihr auf dem Bürgersteig der Pappbecher mit etwa zwei Euro. Einige Leute schimpften, dass sie sich einen Job suchen sollte, anderen erzählte sie eine Geschichte, dass sie nur Geld für eine Fahrkarte nach Hause bräuchte.
Es nieselte, das Pflaster war kalt. Erika hatte seit zwei Tagen nicht richtig gegessen und höchsten mal auf einer öffentlichen Toilette etwas Wasser übers Gesicht laufen lassen. Ihr Magen knurrte. Noch zwei Tage, dann würden sie abbrechen. Es war ein Schuss ins Dunkle hier zu warten, bis sie angesprochen wurde. Aber es war der Bahnhof, an dem auch Stefanie Berghoff angekommen sein könnte.
Aus den Augenwinkeln sah Erika den Jungen auf sich zukommen, er hatte schon zwei mal die Runde gemacht.
„Da ist er wieder.“ Hörte sie Frank in ihrem Ohr und nickte vorsichtig. Er hielt sich irgendwo in der Nähe auf und beobachtete sie. „Norbert geht die Akten durch, ob wir das Gesicht kennen.“
Jetzt waren die Schritte des Jugendlichen zu zielstrebig, als das es Zufall sein konnte. Erika senkte ihren Blick auf den Becher und wartete. Er musste den ersten Schritt machen.
„Hi!“ Er war diesmal tatsächlich stehen geblieben. Erika unterdrückte das Lächlen. Ihre Haare waren ungewaschen, aber die Frisur noch erkennbar. Die Jeans mit Löchern, aber Vintage und nicht abgetragen. Ein junge Frau, etwas abgerissen, aber erkennbar nicht ins Milieu gehörig. Erika hatte sich Mühe gegeben, den Ausreißer zu geben.
„Hast’e Geld für ´ne Fahrkarte.“
„Wo soll’s denn hingehen?“
„Süden. Weg.“
„Wie wär’s mit ’nem heißen Kaffee?“
Erika zuckte mit den Schultern. „Warum nich’.“
Erika schüttelte den Inhalt des Bechers in die Hand. Das Ergebnis war armselig. Seufzend ließ sie die Münzen in die Tasche gleiten und folgte dem Jungen in das Schnellrestaurant auf der anderen Straßenseite. „Is’ auch ’n Hamburger drin?“ fragte sie, als sie in der Schlage standen.
„Bin ich Krösus“, Lachte der Junge. Erika fragte sich, ob er tatsächlich nur nett sein wollte. Vielleicht hatten sie sich in der Einschätzung geirrt. Dann musste wieder raus auf die Straße.
Mit zwei heißen Bechern setzten Sie sich an einen freien Tisch.
„Der Kaffee ist nicht umsonst“, sagte der Junge.
„Was?“ Erika tat überrascht.
„Dafür möchte ich Deine Geschichte hören.“ Er grinste wieder.
„Okay“, sagte sie gedehnt und erzählte etwas von einem Stiefvater, den sie nicht ausstehen konnte. Ärger mit der Mutter und Italien, wo sie als Kind Urlaub gemacht habe. Der Junge nickte und hörte zu. Erika lächelte ihn an und wusste, dass sie einander am Haken hatten.
„Jan.“
„Erika“, stellten Sie sich einander vor und schüttelten die Hände.
„Du könntest mit uns mitkommen.“
Erika schaute ihn mit großen Augen an und tat, als ob sie von dem Angebot überrascht wäre.
„Ich fahr mit ein paar Kumpels nach München. Is’ doch Deine Richtung oder?“
Erika zog einen Flunsch und zuckte mit den Schultern.
„Bingo.“ Hörte sie Frank sagen. „Der Junge heißt Jan Feldmann. Wir haben ihn letztes Jahr mal wegen versuchter Vergewaltigung vernommen. In der Akte steht auch Körperverletzung und Raub.“

-> weiter zum folgenden Kapitel ->

Erika nahm einen Schluck Kaffee, um weiter zuhören zu können, ohne etwas sagen zu müssen.
„Lass dich abschleppen. Selbst wenn er nicht für unser Hauptziel arbeitet, kriegen wir ihn für irgendwas dran“, fuhr Frank fort.
„Hey, träumst Du? Lern die anderen erstmal kennen“, sagte Jan. „Is’ nix dabei.“
„Okay.“ Erika stellte den Becher auf das Tablett.

Zwei Tage später waren sie in einem alten blauen Lieferwagen unterwegs. Die Fenster waren alle mit Papier verklebt und Erika saß hinten auf einer alten Decke. Der Fahrer hatte sich als Mark vorgestellt, Jan saß neben ihm und ein weiteres Mädchen hockte Erika gegenüber. Lara. Sie hatten sich unterhalten. Lara’s Geschichte war wie ihre eigene, nur echt.
Eine Nacht waren sie tatsächlich in dem Hotel geblieben, in dem das Handy der Richtertochter gefunden worden war. Sie waren auf dem richtigen Weg. Aber nicht nach Süden, wie Erika am letzten halt an einer Raststätte festgestellt hatte.
Inzwischen war das Handy fort. Jan hatte gesagt, ihre Eltern würden sie damit orten können. Erika hatte so getan, als ob sie ihm glauben würde. Und die Batterien des Ohrsteckers würden nur noch ein paar Stunden halten. Sie hatte ihn auf dem Autobahnklo rausgenommen und abgeschaltet, nachdem Frank versichert hatte, dass sie den Van verfolgten.
„Wo sind wir hier?“ fragte Lara, als sie endlich wieder stoppten. Es war dunkel geworden und einige Sterne waren zwischen den Wolken zu sehen.
„Frankfurt.“
„Niemals“, sagte Erika.
„An der Oder. Wir treffen noch jemanden und dann geht’s nach Süden“, log Jan.
Er musterte sie und Lara. Erika konnte sehen, dass er nicht mehr erwartete, dass sie ihm glaubten. Das Haus, vor dem sie standen, war baufällig. Die Fenster mit Brettern vernagelt. Nirgends brannte Licht.
„Was soll das?“ rief Lara schrill. Erika sah sie an und wollte sagen, dass sie keine Angst haben brauchte, dass sie Polizei ganz in der Nähe war. Aber sie fühlte, wie ihr eigener Magen sich zusammenkrampfte.
Lara drehte sich um, und wollte weglaufen, aber nach zwei Schritten hatte Mark sie an den Haaren gepackt und zu Boden gerissen. Erika starrte auf die Szene und rührte sich nicht.
„Wenn Ihr mitspielt, passiert Euch nichts“, sagte Jan an ihrem Ohr und die ganze Freundlichkeit war auf einmal aus seiner Stimme verschwunden. Erika spürte eine Klinge an ihrem Rücken.
Sie wurden in einen Raum gebracht. Keine Fenster, eine Abstellkammer. Die dreckige Matratze auf dem Boden füllte den Raum fast aus. Ein stinkender Eimer stand in einer Ecke und Wasserflaschen in einer anderen. Riegel wurden vorgeschoben und Schlösser klickten. Erika nahm das weinende Mädchen in die Arme. Es war dunkel, nur durch die Ritzen der Tür drang ein wenig Licht, bis auch dieses ausging. Stimmen waren zu hören. Erika erkannte Jan und Mark, und noch eine dritte Stimme, älter. Aber Erika konnte nicht verstehen, was sie sagten.
Erika steckte den Knopf wieder ins Ohr, als das Mädchen irgendwann eingeschlafen war. Sie wagte nicht zu sprechen, aber sie tippte ein paar mal mit dem Fingernagel gegen das Plastikgehäuse, um zu signalisieren, dass sie wieder auf Empfang war.
„Einmal klicken für: Alles unter Kontrolle. Zwei mal für: Abbruch“, kam Franks Stimme.
Erika hatte das Gefühl, das sie nichts unter Kontrolle hatte, aber sie tippte nur ein mal.
„Gutes Mädchen. Die polnische Polizei kooperiert. Schalt jetzt wieder ab. Wir beobachten das Haus.“
Erika nahm den Knopf aus dem Ohr und steckte ihn wieder in die Jeanstasche. Seltsam, wie sie sich auf einmal danach sehnte, die Stimme Franks zu hören.
Sie lehnte mit dem Rücken an der kalten Wand und hatte die Knie bis an die Brust gezogen, die Arme darum geschlungen. Irgendwann wusste sie nicht mehr, ob sie die Augen offen oder geschlossen hatte.

Erikas Körper schmerzte, als sie aufwachte. Sie lehnte immer noch an der Wand und es war so dunkel wie zuvor. Schritte näherten sich. Die Tür wurde geöffnet. Sie blinzelte in das helle Licht einer Taschenlampe.
„Nicht schlecht.“ Sagte eine fremde Stimme mit osteuropäischem Akzent.
„Jan bringt immer gute Ware“, antwortete ein Deutscher.
„Aufwachen Mädels.“ Sagte der und trat nach der schlafenden Lara. Sie stöhnte erst, dann fing sie an zu schreien. Bis der Russe sie schlug.
„Es liegt an euch. Beschädigte Ware bringt nicht so viel, aber vielleicht sind euch eure hübschen Gesichter ohne Narben lieber“, fuhr der Mann fort und Erika hörte das Grinsen in seiner Stimme.
Erika stand langsam auf und stellte sich zwischen Lara und die Männer. „Wir machen, was Sie sagen, aber lasse Sie Lara in Ruhe.“ Ihre Stimme zitterte bei den Worten.
„Kluges Kind.“ Die raue Hand des Russen fuhr ihr über die Wange. Erikas Haare stellten sich auf und ein Schauer lief ihr über den Rücken. Dann wurden ihre Hände auf den Rücken gefesselt. Man steckte ihnen Tücher in die Münder und klebte Paketband darüber. Erika sah die Angst in Laras aufgerissenen Augen.
Man führte sie nach unten und hinaus. Es war noch immer dunkel, aber die erste Röte des Morgens zeigte ich am Horizont.
Sie wurden in einen anderen Lieferwagen gestoßen, einen mit doppeltem Boden. Man wickelte sie in alte Decken, die stanken. Dann wurden die Spanplatten festgenagelt. Der Raum darunter war so klein, das Erika den Kopf zur Seite drehen musste, um nicht mit der Nase anzustoßen. Sie sah noch, dass Lara sie anschaute, die Augen voller Tränen, dann wurde es dunkel. Unter den Decken war es heiß, sie verhinderten, dass sie krach machen konnten. Das nächste Ziel musste die Grenze sein.
Sachen wurden über ihnen eingeladen.
Die Luft war stickig und roch nach Diesel. Dann setzte sich der Wagen in Bewegung. Sie dachte an den Ohrstecker in ihrer Jeans und an Frank, der hoffentlich in der Nähe war. Es war nicht leicht, ihn in dem engen Raum zu erreichen, und sie kam mit der Hand nicht bis hinauf zum Ohr. Sie fühlte nach dem Schalter und ließ es ein mal klicken, dann steckte Erika den Knopf wieder in die Tasche.

-> weiter zum folgenden Kapitel ->