Dr. Furagi erfindet die Schneeflocke

Diese Geschichte gibt es auch zum anhören: Dr. Furagi erfindet die Schneeflocke

(veröffentlicht im literarischen Weihnachtskalender 2011 von 1001Buch.net).
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Dr. Furagi schaute aus dem Fenster seines Hauses am Hang des Fujiyama und beobachtete das gefrorene Wasser, das vom Himmel fiel und Löcher in Dächer und Straßen schlug.

Da musste es eine bessere Lösung geben, dachte er bei sich, denn es machte keinen Spaß, wenn man im Winter nur mit einem Schutzhelm vor die Tür gehen konnte.

Also setzte sich Dr. Furagi an seinen Schreibtisch und erfand die Schneeflocke.

Der erste Versuch war ein Reinfall. Die Schneeflocke war viel kleiner, als die Brocken, die bisher vom Himmel gefallen waren, aber die flache Form bremste den Fall nicht, sondern ließ sie Flocken nur noch viel schneller durch die Luft sausen.

„Dr. Furagi“, sagten die Leute. „So geht es nicht. Schon bei leichtem Wind durchschlagen Deine Schneeflocken unsere Fensterscheiben.“
„Ah. Natürlich“, antwortete der Doktor. „Das ist kein Problem, ich muss nur den Luftwiderstand erhöhen.

Also ergänzte Dr. Furagi seine Schneeflocken mit Luftbremsen, vielen kleinen Lamellen, die den Flug verlangsamen sollten. Das war gar nicht so einfach, deshalb sah jede Schneeflocke etwas anders aus. Dr. Furagi hoffte, das würde niemandem auffallen.

Dieser zweite Versuch wurde von den Leuten nicht gewürdigt und sie beklagten sich.

„Hochgeehrter Dr. Furagi“, fingen sie an, um den Wissenschaftler nicht zu verärgern. „Du hast unsere Häuser gerettet. Das fallende Eis schlägt unsere Dachpfannen nicht mehr kaputt und die Schneeflocken lassen unsere Fenster ganz.“

Dr. Furagi nickte zufrieden.

„Aber die vielen kleinen Kanten„, fuhren die Leute fort, „sie sind so scharf, dass man sich daran schneidet. Man kann nicht vor die Tür gehen ohne Angst, dass sie sich durch die Sohlen bohren.“

„Ah. Natürlich“, sagte D. Furagi und dachte Laut. „Einige Sollbruchstellen sollten diese Unannehmlichkeit beseitigen.“ Und Dr. Furagi machte die Schneeflocken so, dass sie eher zerbrachen, als dass sie schnitten.

Aber auch mit dem dritten Versuch waren die Leute nicht glücklich. Dr. Furagi kniff die Augen zusammen, als sie wieder vor seiner Tür standen.

„Dr. Furagi“, sagten sie ganz leise und senkten die Köpfe, als sie seinen ungeduldigen Blick sahen. „Dr. Furagi. Wir lieben ihre Schneeflocken.“
Der Doktor nickte ein wenig besänftigt.

„Aber die Krümel liegen überall herum“, sagte eine alte Frau, die mutig genug war sich nach vorn zu drängen. „Wir sind immer nur am fegen. Die feinen Flockenreste, wenn sie zerbrochen sind, verfangen sich in Kleidern und Haaren. Wir finden sie noch Tage später in den Sofaritzen.“

Dr. Furagi legte den Finger an die Lippen und dachte nach. „Ah. Natürlich“, machte er dann und die Leute nickten ihm ermunternd zu, während sie auf seinen Geistesblitz warteten.

„Wir wäre es, wenn die Schneeflocke schmilzt, dann behebt sich das Problem ganz von allein.“

Die Leute sahen sich an und zuckten mit den Schultern. Entweder fegen oder wischen, eine andere Wahl hatten sie nicht.

„So wird es gut sein“, sagte die alte Frau, die hoffte das Wasser würde durch die Ritzen in ihrem Fußboden abfließen, dann scheuchte sie die Leute davon.

Dr. Furagi machte, dass die Flocken schmolzen, sobald sie ins Warme kamen. Das hatte noch einen weiteren Vorteil. Wenn der Frühling kam, brauchte man nicht im ganzen Land die Flockenreste einsammeln. Der Doktor war zufrieden mit seiner Erfindung.

Aber die Leute hatte sogar am vierten Versuch noch etwas auszusetzen.

„Dr. Furagi“, sagten sie ganz kleinlaut, als der Doktor endlich die Tür öffnete, um sie anzuhören. Sie verneigten sich tief, um zu zeigen, wie sehr sie den Erfinder verehrten. „Dr. Furagi. Alle lieben ihre Schneeflocken. Die Kinder spielen damit und bauen Statuen zu ihren Ehren.“ Dr. Furagi nickte und behielt für sich, dass er die langen Karottennasen für nicht sehr schmeichelhaft hielt.

„Warum sind die Schneeflocken so grün und grau?“, fragte ein Stimmchen aus der Menge. Ein Mädchen drängelte sich nach vorn und hielt ihm einen Schneeball entgegen.“
„Oh“, sagte Dr. Furagi. „Ich dachte nicht, dass die Farbe so wichtig ist.“
„Doch!“, sagte das Mädchen entschieden.

Dr. Furagi schaute von Einem zum Anderen. „Welche Farbe soll es denn sein?“ wollte er wissen.
„Rot“, riefen die einen.
„Blau“, forderten anderen.
„Gelb“, wollte einer. „Nein! Nicht Gelb.“ Sagten alle anderen.

„Ich mache sie weiß“, erklärte Dr. Furagi entschlossen, bevor sich der Tumult ausbreiten konnte.

Und über die fünfte Schneeflocke beklagten sich die Leute nicht mehr. Nicht mehr so sehr jedenfalls, nur noch wenn zu viele davon fielen, oder zu wenige, oder am falschen Ort, oder zur falschen Zeit, oder …

Aber Dr. Furagi machte die Tür nicht mehr auf.