Nahtoderfahrung (Der Cop und der Tod I)

„Ich bin der Tod!“ hallte die Stimme, so tief wie ein Brunnen, durch das Treppenhaus.

Chadija schaute sich den Typen vor ihrer Wohnungstür von oben bis unten an. Langer schwarzer Mantel mit tief ins Gesicht gezogener Kapuze, schwere schwarze Stiefel - und eine riesige Sense in der rechten Hand. Er stand da wie eine Statue unbeweglich und sie spürte seine Blicke bis in ihre Seele.

 „Halloween war letzte Woche. Du Spinner. Und das ist ein verdammt schlechter Scherz.“

„Martin Anders.“ Sagte der Tod und die Stimme echote durch das Mehrfamilienhaus. Er machte einen Schritt nach vorn aber noch nicht über die Schwelle ihrer Wohnung.

„War mein Partner. Wenn Du nicht sofort verschwindest, baller ich Dir ein paar Löcher in den Mantel.“ Mit den Worten nahm sie die Dienstwaffe von der Kommode neben der Tür und entsicherte sie demonstrativ.

Der Tod räusperte sich, es klang wie das Reiben von Kontinenten, wenn sie beschossen Berge aufzutürmen. Er ließ die Sense sinken und die Schultern hängen. Chadija machte einen Schritt zurück und brachte die Waffe in Anschlag. „Keinen Schritt weiter!“

„Ich bin nicht wegen Dir hier, sondern wegen Martin Anders.“ Er blieb stehen, aber sein Blick wanderte durch den Wohnungsflur, in dem die Polizistin stand. Rechts stand die Kommode, eine Schale darauf mit einem Schlüsselbund und einer Dienstmarke daneben. Chadija starrte nur in sein Gesicht und in die tief liegenden Augen, als er sich ihr wieder zuwandte.

„Bissl spät. Mein Partner ist vor zwei Tagen verreckt, und im Beth Israel Krankenhaus. Nicht hier in der Grove Street.“

„Ich weiß.“ Die Stimme des Todes klang schon fast menschlich. „Er ist mir entwischt?“

Chadija lachte, dann weinte sie. „Scheiße. Das ist nicht witzig.“

„Nein, ist es nicht.“ Er machte einen langen Schritt in die Dreizimmerwohnung der Polizistin. „Ich brauche Deine Hilfe.“

„Halt. Ich hab Dich nicht hereingebeten.“

„Ich bin der Tod, kein Vampir.“ Und sie spürte die unendliche Kälte, die von dem Fremden strömte, wie Wasser aus einer Bergquelle.

Chadija spannte den Hahn der Waffe. „Stopp,“ und brachte sie in Anschlag. Aber der Tod hielt nicht inne. Chadija machte einen weiteren Schritt zurück, in acht Dienstjahren hatte sie nie auf einen Menschen schießen müssen. Jetzt, nach dem der Partner an Krebs gestorben war, und in der eigenen Wohnung bedroht, fühlte sie sich verletzlich.

„Ich werde schießen!“, rief sie, so laut, dass sie hoffte, die Nachbarn würden es hören.

„Nein, die schlafen“, antworte der Tod.

Ihre Hand wurde taub sie versuchte den Abzug zu ziehen, der Zeigefinger gehorchte ihr nicht. Sie spürte, wie die Kälte des Todes langsam ihre Arme emporkroch. Ein Schauer lief über ihren Körper und sie spürte wie sich jedes einzelne Härchen, aufrichtete.

Sie öffnete den Mund, um zu schreien, aber es kam kein Laut, nur ihr Atem, der in der plötzlich kalten Luft des Flurs eine Wolke bildete, die sich langsam auflöste.

 „Er hat auf der Überfahrt von Dir gesprochen“, sagte der Tod und nahm ihr die Waffe aus der starren Hand. Er legte sie zurück auf die Kommode neben die Schüssel. Chadija spürte, wie die Kälte nach ihrem Herzen griff. Eisige Schweißperlen bildeten sich auf Stirn und Rücken.

Der Tod schloss die Tür hinter sich und nahm die Polizistin bei der Hand. Er schaute sich kurz um und führte sie dann ins Wohnzimmer. Chadija versuchte sich zu wehren, gegen die Kälte anzukämpfen, aber sie konnte nicht, sie bekam keine Luft mehr.

Dann drückte der Tod die Polizistin in die Couch und nahm in dem Sessel gegenüber Platz.

Zitternd nahm Chadija einen tiefen Atemzug, wie eine Ertrinkende, die wieder an die Oberfläche kommt. Sie verschluckte sich, hustete.

„Heute nicht Chadija“, sagte der Tod. „Du hast noch ein wenig Zeit, bevor ich wegen Dir komme.“

Chadija schlang die Arme um den Körper und zitterte, aber nicht vor Kälte. Ihre Gedanken kreisten um den letzten Satz des Fremden. Wenig Zeit - nicht viel Zeit - nicht viele Jahre. Und diese Kälte, die nur viel zu langsam aus ihren Knochen wich. Sie wollte nicht sterben, nicht so, nicht bald.

„Scheiße“, flüsterte sie. „Was war das denn?“

„Du würdest mir sonst nicht glauben, dass ich der bin, der ich vorgebe zu sein.“

„Ich glaub es trotzdem nicht. Vielleicht war das nur eine Panikattacke.“ Aber die Worte waren nicht wahr, sie glaubte jedes Wort und das machte ihr mehr Angst, als sie sich eingestehen wollte.

„Hast Du die öfter?“, er wartete nicht, bis sie den Kopf schüttelte, sondern sprach weiter. „Das war Dein eigener Tod.“

„Ja, ja.“ Chadija versuchte es mit Trotz, und sei es nur um sich selbst nicht so klein zu fühlen.

„Aber eigentlich sollest Du noch nicht dran sein, Dein Name stand noch nicht auf der Liste.“

„Ich verstehe, wenn ich nicht helfe, dann bringst Du mich um.“

Der Tod schüttelte den Kopf. „Ich bringe niemanden um.“

Chadija schaute in Richtung Dienstwaffe, die außer Reichweite lag.

„Gut. OK. Was willst Du.“ Vielleicht gab es ein anderes Ende. Wenn Ihr Tod nicht geschrieben stand, war er dann abwendbar. Chadija fragte sich, ob sie eine Wahl hatte.

„Ich muss Martin auf die andere Seite bringen. Wir waren schon fast über den Styx, als ich ihm sagte, das seine Frau nicht auf der anderen Seite auf ihn wartet.“

Chadija schreckte hoch. „Blödsinn. Susan ist vor vier Jahren bei einem Bootsunfall ums Leben gekommen. Das Boot ist gesunken, weit weg von der Küste. Sie kann das nicht überlebt haben.“ Ihre Zähne klapperten bei den Worten.

Der Tod schüttelte den Kopf. „Das würde ich wissen, oder?“

Chadija zuckte mit den Schultern.

„Er ist von meiner Fähre gesprungen und die ganze Strecke zurück geschwommen. Ich musste erst die anderen Seelen übersetzen, bevor ich umkehren konnte. Er hat einen Tag Vorsprung.“

Es arbeitete in Chadijas Gehirn, alles war recht, um den Todestraum vergessen zu machen. „Du hast ihn doch schon einmal gefunden.“

„Da war er gestorben, über so etwas führe ich Buch. Aber Seelen, die Abhauen, das ist immer schwer.“

„Warum?“

Der Tod schüttelte den Kopf, wie gegenüber einem begriffstutzigen Kind. „Er ist Tod.“

Chadija zog die Augenbrauen hoch. „Ich brauch ´nen Tee.“ Sie erhob sich auf die wackligen Beine und ging in die Küche, um das Wasser aufzusetzen.

„Das ist verrückt.“ Murmelte sie, während sie auf die Gasflamme unter dem Kessel starrte. Sie hob die Hände über das Feuer und spürte die Energie, die langsam zurückkehrte. „Und wie soll ich helfen, einen Toten zu finden. Soll ich `ne Fahndung rausgeben? Zombie gesucht? Sieht aus wie toter Cop und will Gehirne fressen?“

Der Tod stand im Türrahmen der Küche und beobachtete jede ihrer Bewegungen. „Er wird seine Frau suchen.“

„Die ist tot!“

„Ist sie nicht.“

„Wo ist sie?“

Der Tod zuckte mit den Achseln. Der Kessel fing an zu pfeifen und Chadija goss das heiße Wasser über die Pfefferminzblätter.

„Ich verstehe.“ Sie nahm das Glas mit den Fingerspitzen am oberen Rand und lehnte sich gegen die Anrichte. Sie sog den Dampf des Tees langsam in die Nase. „Wenn wir Sie finden, finden wir ihn.“

„Und bald, denn Susan Anders steht jetzt auf meiner Liste. In 5 Tagen. Drei Kugeln in Herz und Hinterkopf.“

Chadija lief ein Schauer über den Rücken, aber diesmal nicht vor Kälte.

„Wo? Wann genau? Wer?“

Der Tod schüttelte den Kopf: „Das hilft uns nicht, Martin zu finden.“

Chadija nippte am heißen Tee. „Erst mal brauchst Du ein paar normale Klamotten und die Sense muss verschwinden. Du fällst sonst zu sehr auf.“

Und wenn die Liste verändert werden konnte, dann war auch Ihr eigenes Ableben vielleicht nicht unabwendbar, dachte Chadija und verbrannte sich die Lippen beim nächsten etwas zu unvorsichtigem Schluck. Aber es machte ihr nichts aus, denn Sie spürte, dass sie noch lebte.